Als sie den Parlamentarischen Staatssekretär Gallus zum ersten Mal interviewten, lachte der schallend los: „Was, Sie sind das?“ So harmlos müssen die von ihm gefürchteten Fernsehjournalisten Nina Kleinschmidt und Wolf-Michael Eimler auf ihn gewirkt haben, als sie den Staatssekretär im Landwirtschaftsministerium um eine Stellungnahme zum Thema Lebensmittelverseuchung vor laufender Kamera baten.

Der Mann sollte das Gespräch, das später in dem ARD-Streifen „Mißbrauch in der Schweinebucht“ gezeigt wurde, noch bereuen. Die zwei Fernsehautoren recherchieren schließlich schon seit fünf Jahren den Geschäften im Fleisch- und Eierhandel hinterher und ihre Reportagen aus dem „Wunderland von Huhn und Schwein“ haben ihnen nicht nur mehrere Filmpreise eingebracht, sondern auch einen höchst kritischen Ruf bei den Beteiligten in der Nahrungsmittelbranche. Ihre Erfahrungen haben die beiden dabei wütend gemacht, wütend auf Lebensmittelkonzerne, die immer minderwertigere Massenware produzieren, wütend auf Wissenschaftler, die ihrer Meinung nach zu wenig Stellung beziehen, aber auch auf Politiker, die dafür sorgen, daß alles so bleibt, wie es ist – und dieser Ärger hat sich nun in einem Buch entladen.

Es geht den Autoren dabei nicht um eine, wie es so schön heißt, sachlich-ausgewogene Darstellung. Engagiert prangern sie vielmehr die Verseuchung unserer Lebensmittel an und berichten von ihren eigenen Erlebnissen beim Versuch, dies aufzudecken. In dem Buch werden Mißstände bei der Massentierhaltung, der Schlachtung und dem Einsatz von Tierarzneimitteln beschrieben, die geeignet sind, einem den nächsten Festtagsbraten im Halse stecken bleiben zu lassen. Schilderungen von Dreharbeiten „vor Ort“ im Schweinestall, oder im Schlachthof werden ein wenig bunt mit Interviewerfahrungen in Vorstandsetagen oder bei Wissenschaftlern zusammengemixt – so wie es dem Arbeitsalltag der zwei Redakteure entspricht.

Der Leser folgt den beiden quer durch die Republik, trifft Veterinäre und Fleischbeschauer, die sich gegen den „tierischen“ Massenproduktionsprozeß auflehnen, lernt einen Bauern kennen, dessen Schweine es besser haben sollen und einen Kindernahrungshersteller, der nach dem Östrogen-Hormon-Skandal seine Einkaufspolitik geändert hat. Spannend sind vor allem die Begegnungen mit ehemaligen Insidern, die inzwischen ausgestiegen sind, etwa dem Ingenieur, der jahrelang das Labor eines Eiproduktenwerkes leitete oder dem „Autobahntierarzt“, der über Schiebereien mit Medikamenten zu berichten hat.

Das Buch gibt aber einen ebenso interessanten Einblick in die Arbeit der Fernsehjournalisten, erzählt von der oft zähen und langwierigen Recherche, von den Gesprächsstrategien der Interviewpartner oder vom Alltag einer Sendeanstalt („Wir wurden bei der Abgabe des Films gelobt und beglückwünscht und – selten genug – erstaunlich gut bezahlt .. Aber [...] bis heute nicht gesendet“).

Letztlich ist „Tierische Geschäfte“ jedoch ein politisches Buch, das alles andere als emotionslos über Verhältnisse auf dem Nahrungsmittelmarkt aufklären möchte, über die großen Fleisch- und Eierkonzerne, die unserem veränderten Ernährungsverhalten als Wohlstandsbürger mit der Massenware „Tier“ begegnen. Kleinschmidt und Eimler schildern zwar auch, daß es anders gehen kann, vermeiden aber am Schluß endgültige Feststellungen oder ein Resümee. Wer nach der Lektüre aber empört „Skandal“ ruft und selbst aktiv werden will, erhält von den Autoren den desillusionierten Rat: „Jeder, der tatsächlich Änderungen will, kann jederzeit an jeder x-beliebigen Stelle des Buches einen Arbeitsansatz für sich heraussuchen – er wird feststellen, daß garantiert noch nichts passiert ist.“ Ulrich Schnabel

  • Wolf-Michael Eimler/Nina Kleinschmidt