Marginalien zu einer verwirrenden Diskussion

Von Konrad Littmann

Die heftigen Reaktionen haben mich überrascht. Unter der von der Redaktion formulierten forschen Überschrift „Bittere Klagen mit falschen Zahlen – Die Steuerlast der Unternehmen ist nicht so hoch wie behauptet wird“ schrieb ich in der ZEIT (Nr. 9/1987) über die steuerliche Belastung von Unternehmen. Gerd Bucerius reagierte temperamentvoll (ZEIT Nr. 14/1987). Der FDP-Bundestagsabgeordnete und Mittelständler Hermann-Otto Solms schrieb eine Woche später in der ZEIT. Selbstverständlich stehe ich zu der Aussage, grob abgeschätzt dürfte die gesamtwirtschaftliche Quote der Gewinnsteuerbelastung mit hoher Wahrscheinlichkeit im Bereich von 34 Prozent liegen, vielleicht bei einer Schwankungsbreite von drei Prozentpunkten nach beiden Seiten. Die Reaktion auf diesen Beitrag überraschte mich, obwohl ich Widerspruch in der Sache schon deshalb erwartet hatte, weil gemeinhin die Steuerbelastung der Unternehmen weit höher eingeschätzt wird. Das renommierte Institut der Deutschen Wirtschaft schrieb beispielsweise in seinem Informationsdienst vom 12. Februar 1987: „In der Bundesrepublik bleibt den Unternehmen durchschnittlich ein Nettogewinn nach Steuern von 29,2 Prozent. Anders gewendet: Die Steuerbelastung der Gewinne beträgt 70,8 Prozent.“

Die beträchtlichen Unterschiede in den Größenordnungen – hier ungefähr 34 Prozent, dort exakt 70,8 Prozent – umschreiben zunächst ein Feld akademischer Kontroversen, aber außerdem auch ein Terrain handfester ökonomischer Auseinandersetzungen. Kennziffern dieses Kalibers entwickeln nämlich unausweichlich politische Virulenz, und sie bewegen sich im Kräftefeld der Ideologien. Sie dienen zur Rechtfertigung oder zur Ablehnung monetärer Forderungen – und wenn es um Geld geht, um Steuern oder Subventionen, dann erleiden im Diskurs zuweilen sogar Objektivität und Fairneß erheblichen Schaden.

Was ist Gewinn?

Gerd Bucerius hat die politische Dimension der Angelegenheit wohl gespürt, als er am 27. März auf meinen Artikel erwiderte: „Die Last drückt stark. Große Unternehmen zahlen siebzig Prozent Steuern auf ihre Gewinne.“ Und Hermann-Otto Solms ergänzte die Argumentation mit einer aufschlußreichen Rechnung, nach der ein mittelständisches Unternehmen mit einem Gewinn von einer Million nicht weniger als 653 029 Mark Steuern zu zahlen hat (ZEIT Nr. 15/1987 „Schnell an der Grenze“).

So kluger Sachverstand, der zudem auf profunden Erfahrungen beruht, läßt es vermessen erscheinen, eine abweichende Position zu verteidigen. Indes, irre ich mich nicht, so haben Bucerius und Solms all das mißverstanden, was ich über die Steuerlast der Unternehmen geschrieben habe. Kein Zweifel, für Unklarheiten zeichnet stets der Autor verantwortlich, und so sollte ich mit einer Erklärung beginnen.