Von Peter Fuhrmann

Nein, an mangelndem Selbstbewußtsein leiden die vier jungen Leute nicht. Selbst von der renommierten Deutschen Grammophongesellschaft – weltweit auf das Beste vom Feinsten bedacht – ließen sie sich nicht als Marktlückenbüßer ins Abseits drängen, als die ihnen vor zwei Jahren einen Exklusiwertrag anbot. Ganz schön keß, erbaten sie sich Brief und Siegel für die heikelste und populärste Spezies der Kammermusikliteratur. Jeden Anflug von Devotion und künstlerischem Kompromiß, dem die meisten bei Beginn ihrer Schallplattenkarriere willig erliegen, konnten sie zurückweisen, nachdem sie wie Olympiasieger von den Wettbewerben in Banff/Kanada, Evian und Bordeaux mit drei Goldmedaillen heimgekehrt waren und ihr Ruhm nun auch international aufleuchtete: das Salzburger Hagen-Quartett.

Zum Auftakt der Platten-Karriere also kein vergessenes oder im Katalog fehlendes Werk von Othmar Schoeck, sondern drei Standardwerke Franz Schuberts: das abenteuerlich schwierige amoll-Quartett („Rosamunde“), das d-moll- („Der Tod und das Mädchen“) sowie das G-dur-Quartett op. 161 – Werke, die einerseits zur Spätphase der Gattung zählen, mit denen es andererseits dem Nachfahren Haydns, Mozarts und Beethovens endlich gelungen war, die auf ihm lastende Hypothek abzuschütteln und in neue Klangbereiche vorzustoßen.

Für ein junges Ensemble gewiß eine Fallgrube. Schließlich sind in diesen Stücken Phänomene zu artikulieren, die über den brav exekutierten Notentext weit hinausgreifen. Musikalisch Schlüssiges und technisch Außerordentliches liefern die Hagens allemal. Auch die Homogenität ihres Zusammenspiels ist frappierend. Bedarf es aber nicht bereits im Kopfsatz des a-moll-Quartetts einer auch im Menschlichen gereiften, Erfahrung, die „junge Leute“ nun einmal nicht haben können? Historische Aufnahmen des Busch-Quartetts wie profilierte Interpretationen aus neuerer Zeit mag man nur ungern als Gradmesser entgegenhalten. Doch übermitteln sie jene unerhörten Ausdruckswelten, Nuancen der Gebrochenheit, nicht des reinen Schönklanges: das unvermittelte Stocken des Atems, Schwermut und Entsetzen, Panik und Todesfurcht – ein akustisches Spiegelbild gleichsam zu van Goghs todessüchtigen Getreidefeldern („Kornfeld mit Krähen ...“). Läßt sich derlei von jungen Musikern wie den Hagens aus der Partitur ersehen, im Spiel nachvollziehen? Was macht sie im Musizieren so unbefangen?

Frühlingserwachen mit Hausmusik

Zunächst und vor allem: die Herkunft. Vier Kinder einer Salzburger Musikerfamilie, die sich wie andere instrumental zunächst individuell bestätigen, sich dann jedoch schon früh zur festen Streichquartettformation zusammenschließen – das gilt ohne Zweitel, heute zumal, als Ausnahmeerscheinung. Vier Geschwister (Angelika, Lukas, Veronika und Clemens), Anfang bis Mitte der sechziger Jahre geboren. Durch den Vater – er ist Solobratscher im städtischen Mozarteumorchester – erfahren sie eine Art „Frühlingserwachen“ in der obligaten Hausmusik: in unserer für ein so spezifisches Genre eher unpassenden Zeit ein Engagement, das allerhöchsten Respekt verdient. So weit mochten Wunsch und Ehrgeiz des Vaters damals vielleicht nicht gehen, zu erwarten, daß seine munter fidelnden Buben und Mädchen binnen weniger Jahre zu einem veritablen Streichquartett heranwüchsen. Nicht einmal die Kinder selbst scheinen geahnt zu haben, daß ihre Begabung sie einmal in eine Weltkarriere katapultieren werde.

„Es war die Öffentlichkeit“, meint Veronika, „die uns darauf brachte, ein kammermusikalisches Familienunternehmen zu gründen. Plötzlich merkten wir, daß das nach draußen verlegte häusliche Musizieren uns mehr und mehr Erfolg brachte. Das war eine ganz natürliche Entwicklung, auf die wir heute sehr stolz sind. Wir haben uns noch nie selber um ein Konzert zu bemühen brauchen. Alles kam von selbst auf uns zu, auch die Schallplattenaufnahmen.“