Die Sowjetunion ist ein Industriestaat – aber ist sie auch eine Industriegesellschaft? Warum tun sich Politiker und Wissenschaftler so schwer, die Entwicklung in der Sowjetunion angemessen zu definieren? Der Westen findet kein passendes Etikett, das ihm vertraut erscheint: stramme Ideologen konservieren ihr altes Dogma vom totalitären Staat Liberale und Pragmatiker sehen in der UdSSR eine übermäßig reglementierte Industriegesellschaft, die sich schlecht und recht dem Westen anpassen muß. Das erste ist inzwischen so falsch wie das zweite immer noch fraglich ist.

1. Das Diktum von der totalitären Herrschaft ist nur noch ein politisches Bekenntnis, das der Erkenntnis im Wege steht:

  • In der Sowjetunion gibt es zwar keine Pressefreiheit, aber schon seit Jahren sind die Beiträge in Wissenschaft und Publizistik zunehmend kognitiv und kontrovers.
  • Der Anspruch des Systems auf Anpassung ist – wie in den meisten Ländern der Erde – nicht durch verbürgte Menschenrechte begrenzt. Doch wie nur in wenigen Ländern ist die Menschenwürde weder durch Hunger noch durch radikale Rationalisierung oder rücksichtslosen Konkurrenzkampf bedroht.
  • Die sowjetische Lebensweise ist offensichtlich nicht individualistisch. Die Bindung an das Arbeitskollektiv ist aber bekanntlich auch in Japan sehr hoch.
  • Die Sowjetbürger sind prinzipiell so vielen Kontrollen ausgesetzt, als ob sie alle in sicherheitsempfindlichen Bereichen oder in Atommeilern arbeiten würden. Weil dies aber nicht der Fall ist, wirkt in jedem Lebens- und Arbeitsbereich anstelle der äußeren Normativität ein spezielles System von Gewohnheitsrechten und -regeln, das die politische Kontrolle mindert.
  • Die Orientierung an Erwartungen und Kontrollen von außen – von den Älteren und den Höherstehenden, von der Partei oder der Kirche – ist Tradition und ein Erbe der Zarenzeit. Auch Verbesserungen im eigenen Leben erwarten viele Sowjetbürger noch immer von höheren Instanzen und Fügungen. Daß man bei sich selber anfangen muß, um die Verhältnisse zu ändern, wird erst in jüngster Zeit durch Gorbatschows Kampagne auf breiterer Ebene ins Bewußtsein zu heben versucht.
  • In der Sowjetunion gibt es zwar keine Versammlungsfreiheit, das System unterdrückt soziale und nationale Bewegungen. Aber es kontrolliert keineswegs alle sozialen Prozesse. Berufliche und regionale Mobilität, persönliches und politisches Rollenverhalten haben sowjetische Sozialwissenschaftler zu Recht als relativ eigenständige und spontane Entwicklungsfaktoren ausgewiesen. Daraufhin mußte – theoretisch zunächst und dann ansatzweise in der Praxis – die Analyse von sozialen Bedürfnissen und Konflikten als Grundlage betrieblicher und gesamtwirtschaftlicher Planung akzeptiert werden. Diese Entwicklung hat die Einstellung der sowjetischen Führung zur bestehenden Gesellschaft langsam, aber laufend verändert. Von totalitärer Herrschaft – ein Begriff, der ursprünglich aus dem Bekenntnis der italienischen Faschisten und einiger deutscher Staatsrechtler zum „totalen Staat“ abgeleitet und dann auf das Deutschland Hitlers und das Rußland Stalins angewendet wurde – kann nicht mehr die Rede sein.

2. Das Etikett Industriegesellschaft erweckt Vorstellungen von Inhalten, die das Sowjetimperium nach wie vor nicht in vollem Umfang zu bieten hat:

Einer „theoretisch und empirisch fatalen Unterschätzung der Politik“, so beschreibt Hans-Ulrich Wehler sozialen Wandel, „entsprang wahrscheinlich die Vorstellung von einem notwendigen Nexus zwischen Industrialisierung und Demokratisierung. Demokratie ist aber, historisch gesehen, weit eher die Ausnahme als die Regel geblieben ... Industrialisierung mobilisiert zwar, aber demokratische Partizipation ist keine generelle Folge. Für ihre Erkämpfung blieben die amerikanische und die Französische Revolution weitaus wichtiger als die industrielle Revolution.“

Das Modernisierungs-Modell, das sich auf die „Logik der Industrialisierung“ und der daraus folgenden, allmählichen Demokratisierung stützte (die Konvergenz-Theorie war eine Frucht dieser Idee), hatte einen Kardinalfehler. Es ließ die Möglichkeit der Autonomie traditioneller Elemente in der modernen Gesellschaft außer acht.

Die Kriterien für eine vorbehaltlose Einstufung der Sowjetunion als Industriegesellschaft beruhten auf „ähnlichen“ Beschäftigungs- und Bedürfnisstrukturen, auf vermeintlichen Parallelen im Prozeß der Urbanisierung und Bildung. Unverkennbar nicht ähnliche Entwicklungen – wie etwa die Rekrutierung der sowjetischen Arbeiterschaft vom Lande (und nicht aus dem Handwerk wie in Deutschland) – stuften auch führende Soziologen als Abweichungen ein. Sind solche Abweichungen, sind die Realisierung der Industriezentren, die Einpflanzung ländlicher Verhaltens- und Verkehrsweisen in den städtischen Alltag nicht eher Anzeichen eines noch lange anderen Entwicklungsweges?