Il Bidone“ war ein Versehen. Vor einigen Jahren, als in Paris in jedem zweiten Kino ein Film von Hitchcock lief, wollte ich mir „Foreign Correspondent“ anschauen. Den ganzen Tag hatte ich mich darauf gefreut, aber dann verwechselte ich in der rue Saint André des Arts die Eingänge zweier Kinos und geriet in den falschen Film. Was ich für den Vorfilm gehalten hatte, wollte und wollte nicht aufhören. In einer kargen Landschaft fuhren drei Männer im Auto herum, und alles war so auf neorealistisch gemacht, daß es nur ganz böse enden konnte.

Außerdem war „Il Bidone“ ein Film von Fellini, und den kann ich sowieso nicht ausstehen. Da saß ich dann mit meiner Enttäuschung, verstand fast kein Wort, weil der Film natürlich im Original lief, und fand meinen Widerwillen gegen Fellini mit jedem laufenden Meter bestätigt. Es waren zwei amerikanische Schauspieler dabei, aber was die eigentlich sollten, wurde mir nicht klar. Bei all dem aufsteigenden Ärger blieb mir nur ein Gesicht. Wahrlich kein schönes: Es war das eines Magenkranken, aufgeschwemmt, voller Falten, die Augen manchmal nur Schlitze, aber der Mann, dem dieses Gesicht gehörte, schluckte den ganzen Film.

Der Mann war Broderick Crawford und Fellini aus vielen billigen Filmen vertraut. Wie seine neorealistischen Kollegen träumte Fellini vom schnellen amerikanischen Actionkino, wo nicht lange gefackelt wurde, weil fürs Psychologisieren keine Zeit blieb. Humphrey Bogart, seinen Wunschkandidaten, hatte er nicht bekommen können, und so begnügte er sich mit Crawford, der in Robert Rossens „All the King’s Men“ („Der Mann, der herrschen wollte“) den Demagogen Willie Stark gespielt hatte.

Crawford wandelt wie ein Fremder durch „Il Bidone“. Meist tritt er als Monsignore auf, der in Begleitung zweier Kumpane abgelegene Bauernhöfe heimsucht, dort einen vorher vergrabenen Schatz findet, den angeblich ein Verbrecher dort versteckt hat. Wenn die Bauern für den inzwischen reuigen Schächer etliche hundert Messen lesen lassen und sie gleich bezahlen, soll der Schatz ihnen gehören. Oder die drei fahren in Obdachlosensiedlungen, geben sich als Kommunalbeamte aus und versprechen den Leuten eine Sozialwohnung, falls sie an Ort und Stelle eine hohe Kaution erlegen können.

Crawford lebt recht gut von diesen Gaunereien, er hat halb Italien aufs Kreuz gelegt und könnte selbst „den Eskimos ihr eigenes Eis verkaufen“. Daß er das Geld von armen Leuten nimmt, scheint ihm nichts auszumachen, es ist sein Beruf. Anders als seine Kumpane Richard Basehart und Franco Fabrizi (der eine hat Frau und Tochter, dem anderen laufen genug Mädchen nach) muß Crawford langsam an sein Alter denken; er ist schon 48. Doch der Freund, der mit Rauschgifthandel reich geworden ist und ihm zu einem Restaurant verhelfen soll, weist ihn ab: „Du mit deiner Visage! Damit komme ich sofort in den Knast.“

Eine noch schlimmere Demütigung muß Crawford einstecken, als er nach langer Zeit seine Tochter wiedersieht. Er wird zum rührend besorgten Vater, will alles nachholen, verspricht ihr Geld für eine Stelle und geht mit ihr ins Kino. Dort wird er von einem seiner Opfer erkannt und vor den Augen der Tochter von der Polizei verhaftet.

Ins bürgerliche Leben führt kein Weg zurück. Mit neuen Gefährten besucht er wieder die Bauern, um sie mit dem angeblichen Schatz zu übertölpeln. Der Bauer hat eine verkrüppelte Tochter, die den Segen des Monsignore erbittet. „Ich kann dir nichts geben“, meint er abwehrend, aber er ist gerührt. Seinen Freunden macht der alte Fuchs vor, er habe das Geld dem Mädchen geschenkt, doch als sie ihn verprügeln und durchsuchen, finden sie es bei ihm. Der von allen verlassene Gauner stirbt inmitten der felsigen Einöde.