Auch für Joschka Fischer gehört das Leiden am Metier zum Metier: „Ich werde immer finsterer und aggressiver“

Von Gerhard Spörl

Als alles vorüber war, da setzten sie sich noch einmal zusammen. Der Noch-Ministerpräsident („Wir drückten uns lange schweigend die Hand“) ließ Champagner servieren („Nur nichts Trauriges“), auch ein Sinnbild für das verquere Finale der ersten rot-grünen Koalition in der Geschichte der Bundesrepublik. Holger Börner, durch und durch konventionell nach Gemüt wie Habitus und so etwas wie die Inkarnation der machtbewußten Sozialdemokratie, ist sentimental gestimmt. Es ist ziemlich genau dreißig Jahre her, daß er von Kassel auszog nach Bonn und sich vom Beton-Facharbeiter in den Parteisoldaten verwandelte; jetzt muß er sein Erbe ordnen und es drängt ihn, den grünen Ex-Minister, der ihm den Todesstoß versetzte, ins Vertrauen zu ziehen.

Joschka Fischer hört halb wehmütig, halb befremdet zu. Er erinnerte in diesen Januartagen gerne daran, daß seine Laufbahn ja auch vor fast zwanzig Jahren begann. Das war am 2. Juni 1967, als Benno Ohnesorg ums Leben kam. Nach Fischers Verständnis ist die außerparlamentarische Opposition in den Grünen auf Umwegen zur Institution geworden.

Am Ende tauchen die Ursprünge auf. Die Protagonisten versichern sich gegenseitig ihrer Hochachtung. Was sie sich antun, vollzieht sich im Banne historischer Notwendigkeit. Später notiert Fischer überaus sachlich: „Börner hatte die Kraft, die erste rot-grüne Koalition zustande zu bringen. Dem Kind aber eine Zukunft zu geben, eine Perspektive, die mehr ist als der bloße Zwang der Wahlarithmetik, dazu fehlte ihm schließlich die Kraft, vielleicht auch der Wille und die Vision. Er hat seine Gesundheit für dieses Bündnis daran gegeben, er kann einfach nicht mehr.“

Joschka Fischer wollte beides sein, Protagonist der laufenden Ereignisse und deren Chronist. Die Journalisten ärgerte er mit losen Bemerkungen über ihren Mangel an Information, an Einfühlungsvermögen und sarkastischer Phantasie. Der Gedanke, eine Art Tagebuch zu schreiben, lag da wohl nahe. Das Produkt trifft auf geballtes Interesse. Kaum ein Sozialdemokrat, der das Tagebuch nicht flugs gelesen hätte, sei es, um daraus Honig für den Wahlkampf zu saugen, sei es zu erfahren, wie es denn nun wirklich gewesen ist.

Auf diese Neugierde läßt sich das Buch gerne ein. Es erzählt (manchmal zu detailgetreu) aus der Wiesbadener Ereignis- und Erlebniswelt. Der Alltag war ja ständig überhöht durch die Uraufführungen, an denen der erste alternative Großwürdenträger der Republik teilhaben durfte und die er selber umsichtig inszenierte. Der Minister schaut sich gekonnt selber über die Schulter. Tschernobyl und die Sandoz-Katastrophe, die Niedersachsen-Wahl und der Januar-Erfolg der Grünen, das hessische Experiment selber, mit all den Sorgen, Ängsten und Hoffnungen – manchmal freut sich unser Minister-Autor richtig herzlich, dabei zu sein. Das Gefühl, der Mission nicht gewachsen zu sein, verläßt ihn nie; daraus flüchtet er in Gedanken erhabener Einsamkeit, nächtlich in der ruhig gelegenen Frankfurter Stadtwohnung mit knabenhafter Handschrift niedergeschrieben.