Von Reinhard Baumgart

Ein Schriftsteller steht auf von seiner Tagesarbeit, vom Schreibtisch, und er scheint zufrieden. Es ist irgendwann noch früh am Nachmittag, aber das Licht, an diesem Dezembertag kurz vor Weihnachten, beginnt unmerklich schon zu schwinden: „Wirklich glänzten die Kanten der Gegenstände wie vor Einbruch der Dämmerung.“ Jetzt also könnte, wenn es so etwas gäbe, der Feierabend oder die Freizeit des Schriftstellers beginnen, von der wir ja üblicherweise nichts, außer durch die postum veröffentlichten Tagebücher, erfahren.

Genau von dieser Zeit außerhalb des Schreibens, diesseits des Werkes wird Peter Handke diesmal erzählen, geduldig vom frühen Nachmittag bis zum Einschlafen nach Mitternacht, in der Geisterstunde, und daß „nichts Besonderes sich ereignet hatte“, wird auch er, wie sein Leser schon früher, irgendwann am Abend feststellen.

Spätestens jetzt wird der normale Leser (wer immer das sein mag) zu Ungeduld und zum Gähnen geneigt sein. Er erinnert sich an den seit den sechziger Jahren in deutschen Büchern immer wieder und mit Vorliebe gleich auf der ersten Seite auftauchenden Autor, der dort spröde, doch wortreich seine Ratlosigkeit beteuert: Wie ihm die Welt aus der Sprache und diese aus der Welt geglitten sei, so daß nun alles um ihn herum tot ist, nackt gegenständlich, beschreibbar vielleicht, doch unerzählbar. Von solchen Ohnmachtsgesten und überhaupt vom Autor als solchem möchte der sogenannte normale Leser nicht mehr belästigt werden. Erleichtert hat er die literarische Wendeparole: „Es darf wieder erzählt werden!“ sich stillschweigend übersetzt in: Es muß wieder. Wenn es nach dem normalen Leser ginge, so hätte der Autor ein Buch lang unsichtbar zu bleiben und den Mund zu halten, um die normale Kundschaft um so meisterhafter zu unterhalten mit dem Parfüm des Namens der Rose in den Zeiten der Cholera.

Nun muß, um wieder auf Handkes Erzählung „Nachmittag eines Schriftstellers“ zurückzukommen, dreierlei betont werden: Sie beginnt mit keinem ohnmächtigen, sondern einem, sagen wir ruhig, glücklichen Schriftsteller („Jedes Wort, das, nicht gesprochen, sondern als Schrift, das andere ergab, schloß ihn neu an die Welt .. .“). Sie vollzieht sich allerdings in stillschweigendem Protest gegen die Erwartung, irgend etwas könnte des Erzählens nicht wert sein und das „nicht Besondere“ wäre auch schon das schlichtweg Langweilige. Sie könnte aber – drittens – mit dem Nachmittag nicht einen Atemzug vorankommen, wenn für sie so etwas wie „Freizeit“ oder „Feierabend“ eines Autors überhaupt vorstellbar wäre.

Nicht irgendeine Berufswahl, sondern seine durch das tägliche Schreiben immer wieder überwundene, nie aber erledigte Lebensschwierigkeit hat diesen Schriftsteller ins Gehäuse seiner Existenz und Arbeit gebannt. Er wird also hier, wie er das gleich auf der zweiten Seite pointiert, nicht etwa reden aus der Maske „Ich als Schriftsteller“, sondern hier spricht, wandert, blickt, füttert die Katze, trinkt, versucht die Zeitung zu lesen, schweigt „Der Schriftsteller als Ich“. Ein Beruf ließe sich kündigen, das Ich läßt sich nicht abschaffen.

Schreiben also, wieder einmal, als Lebensrettung, was der Verfasser dieser Aufzeichnungen aber bemerkenswert nüchtern, fast heiter, ohne Schmerzensmann-Allüre feststellt, so wie ein chronisch Kranker eben seine Überlebensbedingungen bekannt gibt, mit denen er sich längst abgefunden hat, „heiter“ – denn das etwas altmodische Wort kann doch nur bedeuten, daß einer sich seiner Trauer endlich frei, ohne Widerstand überlassen hat.