Von Michael Sontheimer

Djakarta, im April

Inmitten des unablässigen Verkehrsstromes, der sich zäh durch den Acht-Millionen-Moloch Djakarta wälzt, ragen sie wie eine Menschentraube aus der Blechlawine hervor: Junge Männer stehen dicht gedrängt auf offenen Lastwagen und schwenken rote Fahnen. "Tiga, tiga, tiga", skandieren sie und strecken dabei rhythmisch drei Finger in die Höhe. "Tiga" heißt in der Landessprache Bahasia Indonesa "drei"; es sind Anhänger der Liste Drei, der "Partai Demokrasi Indonesia" (PDI). Um die Lastwagen schwirren Rudel von Motorrädern und Mopeds herum, die Fahrer hupen im Takt dazu. Auch ihre Beifahrer schwenken stolz rote Fahnen, die der Stierkopf, das Symbol der PDI, ziert. Sie sind auf dem Weg zu einer Kundgebung: Für den 23. April hat die Regierung Parlamentswahlen angesetzt.

Über 94 Millionen der rund 165 Millionen Indonesier sind zur Wahl aufgerufen und können sich zwischen drei Parteien entscheiden. Die PDI ist die kleinste der drei zugelassenen Parteien, sie erreichte bei den letzten Wahlen im Frühjahr 1982 ganze 24 von 500 Sitzen. In der PDI sind Christen und Nationalisten zusammengefaßt, sie befleißigt sich einer sozialen Rhetorik, verspricht Arbeitsplätze und prangert die allgegenwärtige Korruption an. Der Star der PDI ist Metawati Sukarno, eine der zahlreichen Töchter des Führers im Befreiungskampf und ersten Präsidenten der Republik Indonesiens Sukarno. In manchen Regionen dürfen seine Bilder allerdings nicht zum Wahlkampf verwendet werden.

Die Vereinigte Entwicklungs-Partei (PPP) verfügt derzeit über 94 Sitze im Parlament und repräsentiert den moderaten Islam der größten muslimischen Nation der Welt. Sie prangert im Wahlkampf den moralischen Verfall an, verspricht ebenfalls Arbeitsplätze, ist allerdings so zerstritten, daß Exponenten der größten sozialen und religiösen Islam-Organisation des Landes, Nahdatul Ulama, bereits zur Wahl der PDI oder der Regierungspartei "Golkar" aufgerufen haben.

Golkar – die Abkürzung läßt sich mit "funktionale Gruppen" übersetzen – ist keine Partei im westeuropäischen Sinne, sondern eine 1963 gegen die später liquidierte Kommunistische Partei begründete Massenorganisation, in der alle Berufsstände und sozialen Institutionen vertreten sind. "Die Kandidatenliste", so schrieb die Indonesien Times, "liest sich wie ein ‚Who is who‘ der indonesischen Politik und Wirtschaft." Sämtliche Minister des Kabinetts, die nicht vom Parlament gewählt, sondern von Präsident Suharto berufen oder entlassen werden, sind Golkar-Mitglieder. "Sie müssen angeblich nicht Mitglied sein, aber sie sind es alle", heißt es mit süffisantem Unterton.

Die Minister, aber auch ihre Frauen und Kinder reisen in diesen Tagen auf die rund sechstausend bewohnten Inseln des ausgedehnten Archipels, um der Golkar, die bisher über 282 Sitze im Parlament verfügt, die für eine Verfassungsänderung nötige Zwei-Drittel-Mehrheit zu sichern. Schlagersänger und Filmstars gehen für Golkar auf Tournee, an so gut wie allen Brücken Djakartas wehen die gelben Golkar-Fahnen; die roten und grünen Fahnen der beiden kleinen Rivalen gehen gewöhnlich in einem gelben Meer unter. Golkar – so die Schätzungen von Journalisten in der Hauptstadt – verfügt im Wahlkampf über rund fünfzigmal mehr Geld als PDI und PPP, die kaum Pfründe zu vergeben haben und deshalb schlecht Spenden und Bestechungsgelder kassieren können. Ein hoher Sieg von Golkar ist auf jeden Fall zu erwarten. Regierungsmitglieder formulieren gar hinter vorgehaltener Hand die Befürchtung, daß der Sieg zu überwältigend ausfallen könnte.