Ein großer Musiker hat uns verlassen, von vielen seines Fachs ob seiner einzigartigen Berühmtheit beneidet, von Millionen geliebt: Gerald Moore. Sein Name ist zum Synonym des Klavierbegleiters überhaupt geworden. Wie kam es dazu? Dieser Brite reinsten Wassers erweiterte seinen Stand um die neue Dimension makellosen pianistischen Könnens und musikalischer Souveränität, die bis dahin den wenigen Solisten oder Dirigenten vorbehalten geblieben waren, die „auch“ begleiteten (Fischer, Schnabel, Nikisch, Furtwängler oder Walter). Nichts setzt sich so sieghaft durch wie neue Ideen zum rechten Zeitpunkt.

Moore, der Unashamed Accompanist, räumte mit dem übermäßig bescheidenen, möglichst unauffälligen Herrn „am Klavier“ auch die oft recht unzureichenden klaviertechnischen Fähigkeiten des Begleiters beiseite. Das hatte einen legendären Ruf zur Folge, dem ich schon als Kind nachforschte, wenn ich in allen Plattenkatalogen den Namen Gerald Moore reichlich vertreten sah, lange bevor ich dem Pianisten gegenüberstand. Erst recht prangte nach dem Krieg, als die ersten Enzyklopädien der Schellack-Platte erschienen, Moore auf fast jeder-Seite der dickleibigen Nostalgie-Spender.

Eines Tages in Wien, nach einem Orchesterkonzert im Musikverein, kam Walter Legge, seit vielen Jahren Allgewaltiger bei der britischen „His Masters Voice“, zu mir und äußerte den Wunsch, ich solle doch einmal mit dem größten Begleiter der Welt in London Aufnahmen versuchen. Schuberts „Schöne Müllerin“ möge den Auftakt bilden.

Nicht wenig aufgeregt war ich bei dem ersten Gang zum Studio in der Abbey Road 3, in dessen Räumen alle die längst vertrauten, legendären Musikergestalten von Gieseking bis Casals, von Kreisler bis Cortot sich redlich gemüht und die „Folterkammer“ heimlich verflucht hatten.

Der mittelgroße, breit gebaute Herr, der mir mit freundlichem Lächeln entgegentrat, nahm mir bald alle Beklommenheit, als er sein herzliches Lachen zeigte. Und da er so gut wie nichts an der Art aussetzen zu wollen schien, wie ich den Zyklus anging, den er sicherlich tausendmal gespielt hatte, bekam ich Fahrtwind. Auch daß er mich lediglich im Spielen um kleine Graduierungen von meinem damals etwas wehleidigen Stil abzubringen suchte, stutzte mir nicht die neugewachsenen Flügel des Selbstbewußtseins. Aus der Kabine des die Aufnahme überwachenden Walter Legge kamen via Mikrophon manche interpretatorischen Änderungswünsche, die ich aber – meiner Sache nun sicher – alle nicht gelten ließ. Machten mir doch Mr. Moores aufmunternde Blicke immer wieder Mut.

Diese und die folgenden Aufnahmen wurden noch in die Matritze gegraben, was voraussetzte, daß es unter viereinhalb bis fünf Minuten keine Unterbrechungsmöglichkeit gab. Hatte man stimmlich oder musikalisch gesündigt, so hieß das: die ganze Seite wiederholen. Gerald war dabei der Gleichmut selbst und bei jedem take so konzentriert, daß ich glaubte, mich in Abrahams Schoß zu schmiegen. Diesen zugleich anregenden und beschwichtigenden Zug seines Wesens ließ er allen seinen Partnern bis zum Ende seiner offiziellen Karriere zugute kommen.

Geschichten konnte Gerald, wie ich ihn nun bald nennen durfte, ohne Ende erzählen. In ihnen wurde ein ganzes Zeitalter und die Vielseitigkeit dieses Mannes offenbar. Elisabeth Schumann und Elena Gerhardt kamen für das deutsche Fach zu ihm, Maggie Teyte für das französische. Im Tenorbereich wogen zwischen den Kriegen die Aufnahmen mit John MacCormack vor, auch Heddle Nash und der köstliche Däne Aksel Schiøtz waren dabei. Deutsche Sänger blieben in der Nazi- und Kriegszeit nur wenige, darunter Adele Kern etwa oder die blutjunge Elisabeth Schwarzkopf nach ihrer Übersiedlung, in ununterbrochener Folge, bis sie öffentlich zu singen aufhörte. Unter den tieferen Männerstimmen dominierten Fjodor Schaljapin, Herbert Jannssen, Alexander Kipnis oder Boris Christoff. Unter den Instrumentalisten figurierten der junge Pablo Casals, die Hornisten – Vater und Sohn – Audrey und Dennis Brain, Yehudi Menuhin oder Paul Tortelier in seinen Anfängen. Nach dem Kriege dann erweiterte sich die Liste berühmter Namen derart, daß eine Aufzählung langweilen müßte.