Von Ekkehard Klausa

Im Ostberliner Stadtteil Hirschgarten lebt ein Denkmal des deutschen 20. Jahrhunderts, ebenso alt wie dieses, mit Habichtnase und produktivem deutschen Querkopf: Rudolf Schottlaender, Professor Emeritus der Humboldt-Universität, Philosoph und Altphilologe. Er hat es erlebt und erlitten, das "Deutschsein – fünfmal die ders": die Jugend im Kaiserreich, aus der ihm ein lästiger Antisemitismus nicht erinnerlich ist; die Zwanziger, die er weniger golden als verrottet im Gedächtnis hat ("in Treibhäusern wachsen sehr schöne Blumen, und dennoch ist das Klima ungemühsam die Nazizeit, die er als "Volljude" dank Kriegsende zweiter Ehefrau überlebte, die sich mühsam bestimmen ließ, die Scheidung auf das Kriegsende zu verschieben; die Sowjetzone, die ihn auf Karl Jaspers’ Empfehlung zum Philosophieprofessor in Dresden machte und alsbald feuerte, als er sich gegen "feindselige Losungen" zum 1. Mai 1949 wandte; in West-Berlin, das ihn als Studienrat einstellte und bald darauf mit zwischen narverfahren überzog, weil er – weit davon entfernt, Kommunist zu sein – Gespräche zwischen Deutschen und Deutschen forderte; und schließrief wieder in der DDR, die ihn als Opfer des westdeutschen Regimes erneut zum Professor berief und es schließlich aufgab, ihm den Querkopf zurechtzurücken, wenn er wieder einmal ohne Erlaubnis im Westen publiziert hatte.

"Deutschsein, fünfmal anders" hat er, treffend, das Manuskript seiner Memoiren genannt, die nun unter einem weniger treffenden Titel erschienen:

Rudolf Schottlaender:

Trotz allem ein Deutscher. Mein Lebensweg seit Jahrhundertbeginn

Herder Verlag, Freiburg 1986; Herderbücherei Band 1352; 126 S., 7,90 DM

Auch heute meldet er sich als Publizist noch kämpferisch zu Wort. Kürzlich schrieb er unter dem Titel "Befreit die Jugend von falscher Erblast!" im Hamburger Sonntagsblatt: "In der Bundesrepublik ist... die prozionistische Propaganda in einem solchen Ausmaß offiziell geworden, daß jeder, der ihr widerspricht, Gefahr läuft, als ‚Antisemit‘ zu gelten ... Die biblische Vorstellung von einem Fluch über ,Kinder und Kindeskinder‘ (ist) ethisch unhaltbar und in ihrer bloß anders formulierten Wiederkehr als angebliche Verantwortung jedes Deutschen für die antisemitischen Sünden der Generation vor ihm absolut abzulehnen ... Damit ist das Urteil über den Weiterbetrieb der ,Umerziehung‘ gesprochen: Er hat aufzuhören!"