von Michael Winter

Seine Gebeine sind ebenso verschwunden wie die Seiten des Geburtsregisters, auf denen der Name hätte stehen müssen. Zehn Jahre nach seinem Tod im Sommer 1809 stiehlt man den Sarg und schafft die menschlichen Überreste über den Atlantik nach Liverpool, wo sie zum Anlaß werden sollen, die Monarchie zu stürzen. Die Polizei verbietet die Beisetzung des zu Lebzeiten in seinem Geburtsland verfemten und für vogelfrei erklärten Mannes.

Der Grabschänder ist der demokratische Journalist und Führer der englischen Arbeiterbewegung William Cobbett, einer der Mitbegründer der englischen Gewerkschaften. Er, der noch Jahre zuvor einer der erbittertsten Feinde des Toten war und ihn in einem Pamphlet als ein Kompendium aller Laster geschmäht hatte, als eitel, mißgünstig, boshaft, feige, betrügerisch, undankbar, schmutzig und versoffen, verkündet nun: „Diese Gebeine werden die Reformation Englands in Staat und Kirche bewirken.“ Er verkauft Locken des Toten, um mit dem Erlös eine Gedenkstätte zu bauen. Seine Veranstaltungen werden verboten. Die Presse quillt über von Witzen. Kapital läßt sich aus den Knochen nicht schlagen. Cobbett bleibt auf dem Skelett sitzen.

Die Gebeine müssen im Haus untergebracht werden und gehen nach seinem Tod in den Besitz des Sohnes über, der 1836 bankrott macht. Der Gerichtsvollzieher behält die Knochen als „nicht zu realisierendes Objekt“. Eine öffentliche Versteigerung wird unterbunden. Schließlich gehen sie in den Besitz eines Tagelöhners über, der sie an einen Möbelhändler verkauft. Von da an verliert sich ihre Spur. Nicht nur die Gebeine verschwinden, sondern auch der gesamte Nachlaß.

Seine Gedanken, sein Werk werden schon gegen Ende seines Lebens totgeschwiegen. Kein Historiker in England oder Amerika wagt es, sich mit ihm außer in Schmähschriften auseinanderzusetzen. Der Mann ist im gesamten 19. Jahrhundert eine Unperson. So groß ist die Angst vor seinen Gedanken. Sein Name wird zum Synonym für jede Art von Atheismus, Verrat und Unmoral. Für das viktorianische England und das puritanische und südstaatliche Amerika ist er ein lügender, versoffener, viehischer und gotteslästerlicher Mensch. Nur Charles Darwin wurde so angefeindet wie er. Selbst der amerikanische Präsident Theodore Roosevelt gedenkt seiner (anläßlich des hundertsten Todestages im Jahr 1909) nur mit Abscheu und nennt ihn einen schmutzigen kleinen Atheisten.

Dabei ist der Mann, vor dem sich amerikanische Präsidenten ekelten, der Begründer der amerikanischen Unabhängigkeit und der amerikanischen Demokratie. Er gab dem Land den Namen „Vereinigte Staaten von Amerika“, und er ist der geistige Vater der amerikanischen und der republikanisch-französischen Verfassungen von 1791 und 1793: Thomas Paine.