Im Jahre 1849 stellte auf der Karlsruher Gewerbeausstellung eine „Fabrik für selbstspielende Musikwerke“ ein Gerät aus, das mit Hilfe von drei Stiftwalzen eine gewaltige Orgel in Tätigkeit setzte – das letzte Exemplar der schon im späten Mittelalter benutzten Horn- und Pfeifenwerke, das erste aber eines neuen technischen Verfahrens, Endgültig präzisiert war es 1887: Eine pneumatische Mechanik, eine Verbindung also von einem Über- und einem Unterdruck-System, „liest“ in ein Leder- oder Papierband gestanzte Löcher und verarbeitet diese Informationen zu Steuerimpulsen für ein mechanisches Tasteninstrument. Die erwachsenen Brüder dieses Zauberkastens: 1904 das „Mignon“-Klavier der Firma Welte & Söhne, 1911 die „Selbstspielende Salon-Orgel Philharmonie“. Dies war gewissermaßen die Hardware.

Bedurfte es noch der Software. Sie wurde von der gleichen Firma ebenfalls im Jahre 1904 „geschrieben“, in des Wortes ursprünglicher Bedeutung: Bei der Aufnahme wurden die gespielten Töne, aber auch die Dynamik und der Gebrauch des Pedals beim Klavier, das gespielte Manual, die Registrierung und – die Verwendung des Schwellwerks, also das Auf-und-Zu von jalousieartigen Klappen vor dem Pfeifenkasten bei der Orgel als Striche auf einem laufenden Papierband (wie heute ein EKG) aufgezeichnet, danach per Hand ausgestanzt und nach diesem Muster beliebig oft vervielfältigt. „Alle Feinheiten des persönlichen Spiels“ damaliger Pianisten wie Organisten sind so überliefert.

Sie wurden jetzt auf modernen Flügeln wie auf einem „Philharmonie“-Museumsstück reproduziert und in moderner Digitaltechnik aufgenommen. Natürlich steht hier noch der mechanische Spielmodus dazwischen, aber es läßt sich inzwischen registrieren, wie unterschiedlich und sensibel die Bänder reagiert haben müssen und wie ackurat die Umsetzung in den Lochstreifen-Code damals war und wiedergegeben werden kann. So mögen wir heute hören, wie brillant Gustav Mahler den ersten Satz seiner fünften Sinfonie oder Richard Strauss den „Tanz der sieben Schleier“ auf dem Klavier spielen konnten, wie stark Max Reger das etwas unbeholfen klingende und leicht dilettantisch wirkende Arpeggio der Akkorde – mit vorausklingendem Baß und nachhinkendem Diskant – betrieb, wie viel weniger Sfumato Maurice Ravel in den zweiten Satz seiner Sonatine einbrachte als heutige Interpreten, wie zierlich Marcel Dupré seine „Cortège et Litanie“ formulierte oder daß der seinerzeit hochberühmte Improvisator Eugène Gigout doch nach heutigem Empfinden eher Organistenzwirn lieferte, daß aber der bereits mit vierzehn Jahren in Bordeaux tätige später St.-Eustache-Organist Joseph Bonnet ein Virtuose von Format war. Daß freilich die Aufnahmetechnik mit dem Öffnen und Schließen der Jalousie-Schweller auch den Input-Regler der Dynamik-Summe koppelte und so mit dem Auf und Ab auch einen Rausch- und Umgebungspegel ständig sich verändern läßt, möchte man eigentlich für überflüssig und störend halten.

Heinz Josef Herbort

  • „Welte-Mignon digital“ – Grieg, Mahler, Skrjabin, Reger, Debussy, Saint-Saens, Ravel, Strauss; Intercord 860.855

„Welte-Philharmonie-Orgel digital“ – Max Reger, Eugène Gigout, Joseph Bonnet, Marcel Dupré; Intercord 860.857