Von Dante Andrea Franzetti

Gibt es das: gute Diktatoren? Sensible Menschen, die, vom Zufall an die Macht gespült, ihr Bestes geben und an den verkrusteten politischen Verhältnissen scheitern? Ist es heute noch (oder wieder) möglich, solche Tragik ohne alle Ironie darzustellen?

Der 34 Jahre alte italienische Autor Andrea De Carlo scheint es zu glauben, sonst hätte er wohl kaum in seinem dritten Roman „Macno“ eine solche Figur zum Hauptdarsteller gemacht. Macno ist der Typ des charismatischen Führers und Superstars, der „nur den rechten Arm zu heben (braucht), um einen wilden Sturm der Begeisterung zu entfesseln, der jeden einzelnen Zuhörer mitreißt und die Gesichter in Zuckungen versetzt“, und gleichzeitig eine Art New-Age-Philosoph „mit dem Drang, sich die Schlüssel anzueignen“. Eine hochgefährliche Persönlichkeit eigentlich, und doch nur ein Kind. „Wann willst du endlich erwachsen werden?“, fragt ihn seine Frau. „Dazu ist es zu spät, fürchte ich“, antwortet Macno.

Ein bißchen verhält es sich mit diesem Buch wie mit Francis Ford Coppolas Film „Apocalypse Now“: Dargestellt wird nicht nur das Schreckliche, sondern auch die Faszination des Schrecklichen, und zwar auf ästhetisch ansprechende Weise, so daß sich die Mittel der Darstellung dieser Faszination unterwerfen. In De Carlos Fall ist die Sache etwas weniger bedenklich, weil kein historisch realer Vorgang beschrieben wird. Die Geschichte des Diktators Macno ist fiktiv, der Ort des Geschehens nicht definiert, das politische Umfeld nur vage umrissen. Die Figuren im Roman bewegen sich in einem von den realen Verhältnissen völlig abgelösten Raum – im „kläglichen Pseudorenaissance-Hof“ des modernen absolutistischen Fürsten –, und das nicht zufällig, denn Macnos Problem, der Grund für sein Scheitern, ist die „Neigung, die Wirklichkeit nicht zu akzeptieren und sich statt dessen eine eigene zu bauen“. An anderer Stelle heißt es auch, Macno wirke, „als käme er vom Mond“, und der Palast sei „wie eine Kolonie auf dem Mond“.

Wie gelangt ein solcher Mond-Mensch zur Macht? Er moderiert eine Live-Fernsehsendung und stellt den Politikern ganz andere als die abgesprochenen Fragen, er entlarvt sie als das, was sie sind, nämlich Lügner, Heuchler und Karrieristen, und spricht aus, was Millionen Zuschauer schon immer gedacht haben: daß Politiker „lausige Schmierenkomödianten“ seien, „die dieses Land wie eine jämmerliche kleine Provinzbühne behandeln“.

De Carlo ist ein hervorragender Erzähler: Er hat es schon mit seinen ersten zwei Romanen, „Cream Train“ und „Vögel in Käfigen und Volieren“ bewiesen. Mit „Macno“ hat er sich mehr vorgenommen, als einfach eine Geschichte zu erzählen: Der Roman beschreibt bestehende und mögliche zukünftige gesellschaftliche Zustände, wobei unklar bleibt, welche Gesellschaft gemeint ist: eine südamerikanische, die italienische, eine Mischform aus beiden (dafür spricht, daß sich die Personen einmal mit Señor und einmal mit Signora anreden).

Die mit viel Einfühlungsvermögen erzählte Liebesgeschichte zwischen Macno und der deutschen Journalistin Liza, die detailgenauen Schilderungen der Massenhysterie bei Macnos Auftritten, die perfekten Beschreibungen steriler Partys und entfremdeter zwischenmenschlicher Beziehungen – all das rechtfertigt den (diffusen) politischen Hintergrund jedoch nicht: Dafür hätte Macno geradesogut Rockstar bleiben können. Im Gegenteil: Der politische Rahmen relativiert die Story (und umgekehrt), rückt sie in ein schiefes Licht und nimmt ihr die Glaubwürdigkeit, etwa dann, wenn Liza Macno vor einem Attentat retten will, ganz so, als wüßten deutsche Journalistinnen, die sich erst zwei Monate in einem fremden Land befinden, glasklar Bescheid über alle „blutigen Fehden und Untergrundkämpfe“, die sich seit jeher dort abspielen.