Ein „revolutionierendes Systembild“? Zwei Neurobiologen über die biologischen Wurzeln des menschlichen Erkennens

Vielleicht sollte man sich vor der Lektüre des hier vorzustellenden Buches erst einmal ein paar Tage lang eine Prismenbrille aufsetzen. Dann stünde zuerst – im wahrsten Sinne des Wortes – die ganze Welt kopf. Nach einiger Zeit jedoch hätte sich das Gehirn auf die verkehrte Welt eingestellt, und man sähe wieder ein aufrechtes Bild. Sobald die Brille aber abgesetzt wird, scheint von neuem alles umgekehrt – woher weiß man nun, wie die Welt „wirklich“ ist?

Dieser Selbstversuch würde bestens die Kernthese von Humberto Maturana und Francisco Varela verdeutlichen: „Jedes Tun ist Erkennen, und jedes Erkennen ist Tun.“ Die zwei chilenischen Biologen und Erkenntnistheoretiker sehen nämlich Wahrnehmungsverzerrungen wie den beschriebenen Prismenglasversuch als Schlüssel zum Phänomen der Erkenntnis an und nicht, wie es normalerweise geschieht, als optische Täuschungen. Und da zeigt sich: Erkennen kann als Akt „effektiver Handlung“ definiert werden, der uns nicht eine objektiv vorhandene Außenwelt zeigt, sondern letzten Endes nur unsere eigene menschliche Struktur widerspiegelt. In der Reflexion erkennen wir deshalb, wie wir erkennen, und eben diesem Ziel soll das Gemeinschaftswerk von Maturana und Varela, „Der Baum der Erkenntnis“, dienen.

Den Autoren geht es jedoch noch um mehr. Zum ersten Mal soll einem größeren Publikum die neue „Systembiologie“ vorgestellt werden, als deren Vertreter sich Varela und sein Mentor Maturana in den letzten Jahren einen internationalen Ruf verschafft haben. Der neue Ansatz, Insidern auch unter dem populären Schlagwort „Biologie der Freiheit“ bekannt, wird von manchen Wissenschaftlern in seiner Bedeutung bereits verglichen mit dem revolutionären Umbruch in der Physik Anfang unseres Jahrhunderts. Die Autoren haben nun den Versuch unternommen, ihre Arbeiten „in allgemeinverständlicher Form“ zusammenzufassen.

Dem Leser wird dabei viel versprochen: Durch das von den beiden Neurobiologen vertretene Systembild werde nicht allein das Weltbild der Biologie, sondern auch unser tradiertes Weltverständnis umgewälzt. Warnend erscheint im Vorwort das Beispiel Maturanas, der bei der Ausarbeitung seiner Theorie selbst „derart den Boden unter den Füßen verlor, daß er an der Normalität, seines Geistes“ zweifelte. Doch neben dieser Dramatik winkt im Klappentext auch Erlösung: „Die in der Menschheitsgeschichte bisher vor allem von den Weisen, Mystikern und Philosophen behauptete Einheit von Subjekt und Objekt, die untrennbare Ganzheitlichkeit des Seins, wird hier nun auch mit naturwissenschaftlichen Forschungsergebnissen belegt.“ Und schließlich sollen wir in all das „fast spielerisch“ eingeführt werden – was sich beim flüchtigen Durchblättern auch zu bestätigen scheint.

Der Baum der Erkenntnis ist wie ein Schulbuch aufgemacht, viele Zeichnungen und Schaubilder bemühen sich um Verständlichkeit, Fingerzeige verweisen auf ein Schlußglossar, Buchsymbole auf zusätzliche Literatur, der Inhalt jeder Seite ist in einer Kopfzeile zusammengefaßt, und für besonders wichtige Begriffe gibt es noch rot unterlegte Kästen, in denen die Professoren, zu Comic-Figuren stilisiert, Schlüsselwörter erklären („Vorsicht scharfe Kurve: Die natürliche Auslese“).

Wer in ihm jedoch nicht nur blättert, sondern ernsthaft einsteigt in den „Baum der Erkenntnis“, der findet die Lektüre bald enttäuschend unverständlich. Langatmige Schachtelsätze türmen sich auf, vor lauter Hauptwörtern ist manchmal kein Verb zu sehen, und nur selten finden die Autoren treffende Bilder oder Vergleiche, die den schwierigen Stoff verständlich machen könnten – meist begnügen sie sich mit einer abstrakten Fachsprache. Das ist wohl auch dem Übersetzer bewußt, der im Vorwort um Verständnis wirbt: Die Autoren hätten leider einen Stil, der „zwar zu ihren theoretischen Auffassungen“ passe, jedoch „leicht den Anschein überflüssiger Redundanz und akribischer Vollständigkeit erwecken“ könne. Dennoch habe er sich an ihren Stil gehalten, um die Denkart der Chilenen widerzuspiegeln und um „den Anschein objektiver Wahrheitsbehauptung zu vermeiden“. Eine Leseprobe mag erläutern, was das bedeutet: „Wir haben bereits gesehen, daß Verhalten keine Erfindung des Nervensystems ist. Vielmehr eignet Verhalten jedweder Einheit, die in einem Medium gesehen wird, wo die Einheit einen Bereich von Perturbationen bestimmt und zugleich ihre Organisation als Ergebnis der Zustandsveränderungen, die jene Perturbationen in ihr auslösen, erhält.“