Von Rüdiger Jungbluth

Ganz simpel“, findet Hemjö Klein, Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbahn, die neuen Preise, „unglaublich einfach und einprägsam“. Doch noch nicht einmal die Bahnexperten blicken ganz durch das neue Tarifwerk. Helmuth Firner, der als Marketingchef bei der DB für das neue System zuständig ist, tut sich noch schwer, etwa beim Familienpaß. „Vater und Mutter allein können damit nicht fahren. Mindestens ein Kind muß dabeisein“, erklärt er. Doch der Fachmann irrt. Im Prospekt steht: „Familien sind für die Bahn aber nicht nur Eltern mit Kindern, sondern auch Ehepaare.“

Seit Anfang März gelten die neuen Tarife bei der Bahn, mit denen das defizitäre Staatsunternehmen neue Kunden gewinnen will. Zwanzig bis achtzig Millionen Mark Mehreinnahmen will die Bahn damit im ersten Jahr einfahren. Rund acht Millionen Mark läßt sie sich eine Werbekampagne kosten, in der „die neuen Preise der neuen Bahn“ jedermann verständlich gemacht werden sollen.

Das als so einfach gerühmte Tarifwerk stiftete bei den Bahnfahrern Verwirrung. „Die Kunden kennen sich nicht mehr aus“, berichtet Robert Rix, Vizepräsident des Deutschen Reisebüro-Verbandes (DRV). „Viel komplizierter als die Bahn behauptet“, meint auch Monika Gebauer von der Arbeitsgemeinschaft der Verbraucher (AgV). Der leidige „Tarifdschungel“ ist nach der Preisreform kaum übersichtlicher geworden. Die Reisekaufleute brauchen mehr Zeit, um ihre Kunden zu beraten. Zudem müssen sie sich, wie ihre Kollegen am Bahnschalter, die Vorwürfe Und Proteste der Bahnfahrer anhören.

Denn mit dem Slogan „Fahr & Spar“ verhöhnt die Bahn ihre Stammkundschaft. Die meisten zahlen nämlich drauf. Wer von Hannover nach Hamburg reist, zahlt vier Mark mehr als früher. Nach Frankfurt ist es von Hamburg aus zehn Mark teurer geworden, nach München 26 Mark. „Die treuen Kunden müssen mehr bezahlen“, klagt Gerhard Bremer vom Hamburger Reisebüro Koch Übersee, „aber wer einmal weit fährt, bekommt die Fahrt fast nachgeschmissen.“ Hans-Jürgen Rotermund, Abteilungsleiter bei Hapag-Lloyd in Hamburg, schätzt, daß für zwei von drei Kunden die Bahnreise jetzt teurer ist als früher. Beklagt wird vor allem, daß die Bahn die Vorzugskarte gestrichen hat. Wer übers Wochenende von Hamburg nach Westerland wollte, zahlte für den Fahrschein 72 Mark. Jetzt kostet das Ticket 102 Mark.

Die Bahn hat sich gewandelt. Statt rosarot kommt sie nun in den Staatsfarben daher. „Zu nüchtern“, findet DRV-Vizepräsident Robert Rix. Auch AgV-Referentin Monika Gebauer fühlte sich „von den Kuscheltieren mehr angesprochen“.

Die Bahnkunden sehen das ähnlich. Für viele waren die rosaroten Preise zuletzt der Normaltarif. „Für ein Sonderangebot galt das zu lange“, meint Rix. Und auch der Bundesbahn-Tarifexperte Helmuth Firner räumt ein: „Wir haben mit rosarot Erwartungen produziert, die wir nicht halten konnten.“