Zwei Liebende knien voreinander. Dann küssen sie sich – nein, steigern sich in eine Kuß-Orgie, die sich der siebenundzwanzigjährige Ehemann, der das Stück geschrieben hat, so vorstellt: „Sie küßt ihn zuerst auf den Mund. Dann gibt er ihr den Kuß zurück; lang, innig, fest drückt sich sein Mund auf den ihren. Ein Geben und Nehmen von Küssen ist eine Zeit hindurch die einzige Unterhaltung – stumm und beredt zugleich – der beiden.“

Das Premieren-Publikum in Einar Schleefs Inszenierung von Gerhart Hauptmanns erstem Bühnenstück, dem sozialen Drama „Vor Sonnenaufgang“ (1889), im Frankfurter Schauspiel mochte da nicht länger zuschauen. Die Restmenge der Premierengäste geriet aus dem Häuschen, als die junge Frau den Liebhaber (er hat sie, getreu der Szenenanweisung, eben wieder „innig geküßt“) mit der Frage aufscheucht: „Hast du mich wirklich lieb .. .? Wirklich .. .? wirklich Der Dauerküsser kriegt die Lippen gerade weit genug auseinander für die beiden Silben: „Wirklich.“ Da fleht das auch mit den Ohren unersättliche Kußmäulchen: „Sag hundertmal, wirklich’.“

Das war zuviel. „Nein, oh nein!“, schrien die letzten verbliebenen Eignerinnen von Handtäschchen und Pelz-Stolen und kämpften sich, den weniger mutigen Begleiter hinter sich herziehend, zum Ausgang durch. Mußten sie doch, nicht ohne Grund, fürchten, der Regisseur folge der Aufforderung zu einer Sprach-Eruption von hundertmal „wirklich“.

Oft war ich in der vier Stunden lang weilenden Aufführung versucht, mich dem optischen und akustischen Terror einer Inszenierung zu entziehen, die Hauptmanns „soziale; Drama“ nicht als museal gewordenes Historien-Stück beleben, sondern es, nicht ohne genialisch kraftmeiernde Gewalttätigkeit, dem Theater unserer Tage wieder gewinnen will. Was schrieb der siebzigjährige Theodor Fontane, Theaterkritiker der Vossischen Zeitung, dem Chefredakteur seines Blattes, nachdem er, fast als einziger, den künstlerischen Rang des Autors schon in diesem naturalistischen Drama erkannt hatte: „Bezwingen Sie nach Möglichkeit Ihre persönliche Abneigung gegen die Richtung (Gefühle respektiere ich durchaus), aber lassen Sie mich... die festeste Überzeugung aussprechen, daß hinter einem Manne, der so was schreiben kann, mehr steckt als hinter der anderen Blase, die alle bloß nach der ,Tantieme’ schielen.“

Darf man diesen Satz, ein wenig, auf den Regisseur dieses kaum noch gespielten Stückes übertragen? Auch wenn man sich manchmal Augen und Ohren zuhalten möchte: wieviel schöne Kraft – und sei es der Verweigerung – spricht sich in dieser seltsamen Aufführung immer wieder aus.

Da ist (vielleicht falsch) gedacht, da ist (womöglich von einem erfahrenen Dramaturgen, der Schleef doch auch ist, ganz undramaturgisch, untheatralisch) überlegt – Theater aber als Ort der kritischen und politischen Auseinandersetzung ernst genommen worden.

Wie kann ein Regisseur mit grob antipsychologischen Effekten etwas so schön Verworrenes inszenieren wie die große oder doch lange Liebes- und Kuß-Szene, die sich Hauptmann so wünscht: „Unversehens, aus einer gewissen Schüchternheit heraus, küßt Helene ihn zuerst auf den Mund“? Ja, nach der Verführung eines Fortschritt und Weltverbesserung predigenden Sozialdemokraten durch „Schüchternheit“ sieht die Küsserei schon anders aus. Bei Hauptmann sind die beiden Menschen, die in der leibfeindlichen Seelen-Schwärmerei von Herrnhut erzogene Bauerntochter und der seinen Körper als Reproduktions-Maschine pflegende Asket und Abstinenzler, genau definiert. In Frankfurt fallen ein alternder Hagestolz, eine überspannte Landpomeranze übereinander her.