Von Barbara von Becker

Am 9. Juni 1933 erschoß Aurora Rodriguez ihre achtzehnjährige Tochter Hildegart. Eine unbegreifliche Tat, weil das Mädchen ganz und gar den gelungenen Lebensentwurf der Mutter zu verkörpern schien: Sie war wohl eine der gebildetsten und kämpferischsten Feministinnen im Spanien ihrer Zeit.

Der in Wien lebende Schriftsteller Erich Hackl spürt in seiner Erzählung „Auroras Anlaß“ den Motiven nach und greift bei seiner literarischen Rekonstruktion auf zeitgeschichtliche Quellen zurück, auf Prozeßberichte und Zeitungsartikel.

Auf ihrer Suche nach Stoffen geraten Schriftsteller immer wieder an die Zeugnisse absonderlicher Gewalttaten, deren mögliche Motive, tiefere psychosoziale, ideologische und politische Ursachen die Phantasie des Spurenlesers freisetzen. Vor einem Jahr hat der österreichische Autor Michael Köhlmeier auf ähnliche Weise die Geschichte des Anarchisten und Königsmörders Gaetano Bresci erzählt: Entstanden ist kein Genrebildchen vom romantisch-wilden Leben eines Revolutionärs, vom Furor der Weltbeglückung, sondern die präzise Studie über die bürokratische Disziplin und die nüchternen Rituale einer Anarchistengruppe – und über die Einsamkeit des Menschen bei der Tat, der nur noch zum Instrument einer Idee verdinglicht ist. Wie Köhler wählt auch Hackl eine distanzierte Darstellungsweise, um nicht durch zuviel fabulierende Imagination den Eindruck historischer Authentizität zu verwischen: Und so beglaubigt die kühl-protokollierende Sprache des Rechercheurs auch noch die Wahrscheinlichkeit erfundener Details.

Was muß geschehen sein, daß eine Mutter die eigene Tochter, die sie von Anfang an zum Werkzeug ihrer Idee erzogen hat, erschießt? Hackl beginnt mit der Kindheit dieser spanischen Medea. Aurora Rodriguez, Tochter eines aufgeklärten liberalen Rechtsanwalts in der galicischen Hafenstadt El Ferrol, entwickelte schon als junges Mädchen eine ausgeprägte Sensibilität für soziale und insbesondere sexistische Ungerechtigkeiten. Ihr Lieblingsplatz war die väterliche Bibliothek. Schon mit siebzehn Jahren versuchte sie im Volksheim von El Ferrol den sozialistisch gesinnten Arbeitern das Lesen und Schreiben beizubringen. Sie hielt Vorträge, in denen sie die Männer zu größerer Achtung gegenüber Frauen anzuhalten versuchte – Unternehmungen, die alsbald scheiterten.

Die Befreiung der Frau wird für sie zur Vision, die sie mit nüchternem Kalkül und spektakulären Mitteln zu verwirklichen trachtet. Sich selber hält sie für nicht ausreichend begabt. Deshalb läßt sie, nach dem Tod der Eltern, am Tag ihrer Volljährigkeit eine Annonce in die Zeitung setzen: „... daß sie in andere Umstände zu kommen gewillt sei, daß der Vater zu dem Kind, das sie gebären wolle, sich melden möge; daß sie allerdings entschlossen sei, ihn nicht zu heiraten noch eine andere, eheähnliche Verbindung mit ihm einzugehen. Aurora fügte der Nachricht hinzu, daß jeder, der bereit war, eine so kurze, auf den Akt der Zeugung beschränkte Verbindung einzugehen, gesund an Körper und Geist sein müsse, also über das im Land herrschende vulgäre Mittelmaß erhaben.“

Die daraufhin über sie hereinbrechende soziale Ächtung erträgt Aurora mit Gleichmut. Nach Liquidierung ihres Erbes verläßt sie als finanziell unabhängige Frau El Ferrol und fährt im Frühjahr 1914 nach Madrid, wo sie im Dezember ein Mädchen zur Welt bringt.