Der Titel erzeugt jenen wohligen Schauer, der gegen den echten Schrecken impft: "Der Tod ist ein einsames Geschäfte Er klingt nach einem beliebigen Trivialroman. Und in der Tat schöpft RayBradbury aus den Bestandes der Populärkultur. Doch hat er sich über deren Standards stets hinausgewagt – so, wie sie in ihren besten Momenten selber durchlässig wird für Wahrheiten jenseits der Klischees. Immerhin verdanken wir Bradbury die meisterlichen Sciencefiction-Stories "Der illustrierte Mann" und den Roman "Fahrenheit 451".

Nach zwanzig Jahren und wahren Erzählungsfluten legt er nun einen neuen großen Roman vor. Der vorherige hieß "Das Böse kommt auf leisen Sohlen". Hier naht es in Quadratlatschen und im Wiegeschritt. Alles ist, mit Absicht, monströs und aufgeblasen in diesem aus den Fugen geratenen Thriller, der sich zugleich vor dem Kino der dreißiger und vierziger Jahre und den damaligen Kriminalautoren verneigt. Bradbury hat ihn unter anderem Dashiell Hammett und Raymond Chandler gewidmet.

Tote gibt es, einen Kommissar, am Ende sogar einen Mörder, aber nichts paßt so recht zusammen – als hätte jemand die Filmrollen vertauscht oder die Druckbögen verwechselt. Die Atmosphäre zählt, der Inhalt weniger, und Bradbury weiß genau, wie man die Register zieht. Vom Kino borgt er die verfallenen Kulissen des film noir, Starsilhouetten von Douglas Fairbanks bis zu Norma Shearer und Erzähltechniken: harte Schnitte, Überblendungen, optische Verzerrungen, Zeitlupe und Zeitraffer. Zwischen zwei Sätzen vergehen manchmal Dezennien, zwischen Vogelperspektive und Bauchlandung liegt mitunter nur ein Blick.

Venice, California, im Jahre 1949 – ein amerikanisches Venedig in der Agonie – ist der Schauplatz der mysteriösen Ereignisse. Ein Trümmerfeld mit Überlebenden und einem Unverwüstlichen: dem Tod. Das Fluidum des Schlafwandlerischen lastet über dem städtischen Ödland, durch das ein junger Schriftsteller irrt. Hinter jeder Ecke lauert das Grauen, jeder Nebensatz birgt gefährliche Überraschungen. Aber: "Solange deine Schreibmaschine klappert, bist du sicher."

Der Roman hält sich selber in Gang. Die Figuren, die er beschreibt, machen sich selbständig, diktieren den Fortgang des Geschehens. Das Buch bekennt, wie sehr es hergestellt ist. Und es belegt, zuweilen etwas geschwätzig, Bradburys im Roman wortreich ausgebreitete Maxime, die über seinem Schreibtisch in Beverly Hills knapp lautet: "Denk nicht – schreib". Edgar Allan Poe ist der eingestandene Ahnherr des phantastisch aufgequollenen Krimis. Die Vergleiche erschlagen. Die "Underwood", an der der einsame Schreibmaschinencowboy tippt, ist "so groß wie ein Klavier". Die Metaphern überwuchern ihre Gegenstände. Die abgewrackte Operndiva, das seltsamste Unikum aus Bradburys Abnormitätenschau, ist so dick, daß sie nur im Stehen schlafen kann. Und das Straßenschild ist in einer Weise verdreht, "daß Besucher, sollten jemals welche zu einem kommen wollen, unweigerlich in die falsche Straße einbiegen und für immer verschwinden würden."

Bradburys Roman offeriert den Alptraum als Lustreise. Denn gegenüber wirklichen Alpträumen hat er einen entscheidenden Vorzug: Man kann ihm ganz nach Wunsch entfliehen.

Gregor Dotzauer