Besser als zunächst erwartet hat der deutsche Aktienmarkt die vermutlich größte Belastungsprobe dieses Jahres bestanden. Mit der Placierung der aus Bundesbesitz stammenden Veba-Aktien, der Unterbringung junger Aktien der Aachener- und Münchener Beteilungs-AG, der aus dem Besitz der Merckschen Vermögensverwaltung kommenden Hochtief-Aktien sowie der aus dem Iran zurückgeflossenen Aktien der Deutschen Babcock waren in relativ kurzer Zeit rund fünf Milliarden Mark aufzubringen.

Dies wäre sicherlich nicht so reibungslos verlaufen, wenn nicht inzwischen Ausländer, darunter vor allem Japaner, den deutschen Aktienmarkt wiederentdeckt hätten. Ausgangspunkt ihrer Anlageerwägungen war die Tatsache, daß deutsche Aktien nach der Hausse in New York und in Tokio sowie anderer wichtiger Börsenplätze im internationalen Vergleich billig geworden sind. Ausländer beurteilen die wirtschaftliche Entwicklung der Bundesrepublik hoffnungsvoller als die deutschen Wertpapierexperten, die unter dem Eindruck des gesunkenen Dollars und des verlangsamten wirtschaftlichen Wachstums stehen.

Aber inzwischen kommt auch bei ihnen ein Hauch von Hausse-Stimmung auf. Dazu haben nicht zuletzt die überraschend zuversichtlichen Ausblicke einiger großer Unternehmen auf die Entwicklung in diesem Jahr beigetragen, aber auch etliche Dividendenanhebungen. Daß der Ausgang der Hessen-Wahl auf die Anlagentätigkeit zumindest vorübergehend stimulierend wirkte, ist verständlich.

Die Ausländer richteten ihr Interesse vornehmlich auf deutsche Elektro-Aktien, vor allem wieder auf Siemens, auf die Papiere der deutschen Großchemie und eingeschränkt auch auf Großbankenpapiere. Weitgehend ausgeklammert blieben bisher Autoaktien. Der Daimler-Kurs hat sich zwar wieder über tausend Mark geschoben, kommt aber jetzt nicht mehr weiter voran. Über die Gründe wird gerätselt. Hat das Daimler-Image unter den kaum verdeckten Vorstandsquerelen gelitten? Waren es die Berichte über gewisse technische Mängel? Oder verabschieden sich lediglich jene Aktionäre von ihren Papieren, die sie zu Beginn vergangenen Jahres aus Flick-Besitz übernommen haben?

Von bemerkenswerter Widerstandsfähigkeit sind die Stahlaktien. Die Diskussionen über den Abbau von Stahlkapazitäten haben auf die Kursbildung nur insofern Einfluß, als mit Befriedigung registriert wurde, daß sich die Bundesregierung in der einen oder anderen Form daran finanziell beteiligen wird, so daß die Konzerne voraussichtlich nicht die volle Last der Sozialpläne zu tragen haben werden. K. W.