Das trifft auch die Leser der ZEIT – es droht ein Streik; der könnte die Druckereien und Setzereien stillegen. Dann können die Redakteure die Zeitungen zwar bis zum Manuskript fertig stellen (manchmal werden auch noch die Texte gesetzt und gedruckt), es sei denn, der Verlag schickt sie ohne Gehalt nach Hause, läßt sie also unter der Taktik der Gewerkschaften mitleiden. Meist aber werden die Verlage weiterzahlen, auf einen kurzen Streik hoffend – einen langen, voll wirksamen Streik hält kein Verlag aus.

Immer noch hat die ZEIT einige tausend Leser, die das Blatt seit 1946 lesen. Heute verkaufen wir jede Woche 460 000 Exemplare; das gibt 1,5 Millionen Leser – es ist schließlich nicht gleichgültig, ob die wochenlang ohne das Blatt sind, das sie zu ihrer politischen Unterrichtung und (ja!) Bildung haben wollen.

Aber noch immer hat sich für den Arbeitskampf kein Ersatz gefunden. Können sich die Unternehmer (die Verleger in diesem Falle) und die Gewerkschaften (IG Druck) nicht einigen, bleiben nur Arbeitskampf oder (wie einst) Zwangsschlichtung – Zwang aber erzeugt sozialen Unfrieden; er wird nur hingenommen in Zeiten der Not (Krieg, allgemeine Wirtschaftskrise).

Dieses Mal kann der Druckerstreik heftig werden; verbitternd ist er immer. Der stellvertretende Chef der Druckergewerkschaft, Detlef Hensche, hat angekündigt, seine Gewerkschaft werde es dieses Mal nicht bei der schlichten Arbeitsniederlegung bewenden lassen. Die Arbeiter würden am Arbeitsplatz bleiben, die Maschine besetzt halten und Arbeitswillige an der Arbeit hindern. Härter noch: Man würde die Ein- und Ausfahrten der Druckereien blockieren.

Das ist beim Streik von 1984 schon bei der für die ZEIT arbeitenden Druckerei in Frankfurt passiert: Die Lastwagen konnten das Druckereigelände nicht verlassen – draußen stand eine Mauer von Menschen. Wir haben uns in jenen Tagen in der Nachbarschaft umgesehen und fanden Dutzende Autos aus allen Teilen der Republik. Chaoten sind leicht zu mobilisieren. Die Gerichte – unerfahren in der Kampftaktik der Tarifparteien – haben es schwer mit Einstweiligen Verfügungen. Und hatte man schließlich eine Einstweilige Verfügung, zögerte die Polizei, die Mauer aufzulösen – sie fühlte sich nicht genügend „von oben“ gedeckt. Der damalige hessische Ministerpräsident Holger Börner setzte sich schließlich mit einem Machtwort durch. Jetzt ist er weg. Und sein Nachfolger?

Schlimm ist der Haß – die Erinnerung an die wutverzerrten Gesichter auf beiden Seiten der Fabriktore läßt sich kaum auslöschen. Das ist wie im Krieg: Will man ihn gewinnen, muß man das eigene Volk zu Haß und Verachtung aufstacheln.

Erbarmen! Findet die reich gewordene im besten Sinne industrielle Gesellschaft da kein Entkommen? Wir arbeiten weniger und leben besser als jede andere Nation, als je eine Generation auf der Erde. Und da müssen riesige Energien auf eine böse Sache verschwendet werden? Könnte man nicht einen Versuch machen, der in England Erfolg hatte, freilich nur bei einer einzigen, dazu kleinen Gewerkschaft: der der Elektriker?