Von Richard Chaim Schneider

Ein grauer, kühler Tag. Wir sitzen in einer Trattoria, mitten in Schwabing, die einzigen Gäste. „A glus taj – ein Glas Tee – bei dem Wetter, das tut gut.“ Rachel Salamander erzählt von daheim. Daheim – das waren für sie Lager, die „displaced-persons-camps“ Deggendorf und Föhrenwald, in denen sie 1949 geboren wurde und Anfang der fünfziger Jahre aufwuchs. Ihr Vater, der einer traditionellen Familie entstammte, war Handwerker. Er mußte sie und ihren Bruder allein durchbringen; ihre Mutter, die vor dem Krieg einer jüdisch-kommunistischen Organisation angehört hatte, starb, als Rachel knapp fünf Jahre alt war.

In den Lagern herrschte große Armut. Die hygienischen Verhältnisse waren schlecht, die Wohnungen, ehemalige Wehrmachtskasernen, klamm. Dennoch denkt Rachel Salamander mit Wehmut und Stolz daran zurück. „Wir Kinder waren für die KZ-Generation wie Götter, ein Hoffnungsfunke. Es herrschte dichter Zusammenhalt, trotz äußerster Not gab es viel Herzlichkeit und Liebe. Es war ein bedingungsloser Einsatz der Erwachsenen für uns Kinder.“

Es war auch die letzte Möglichkeit, den „Geruch“ des ostjüdischen Stetls zu erfahren. Die Menschen im Lager lebten nach dem Religiongsgesetz, gesprochen wurde ausschließlich Jiddisch.

Seit Rachel Salamander 1982 ihre „Literaturhandlung“ gründete, eine Buchhandlung, die sich auf Literatur zum Judentum spezialisiert hat und in ihrer Konzeption einzigartig ist, gehört die promovierte Germanistin in München zur kulturpolitischen Szene. Dies hat sie erreicht durch ein Engagement, das weit über ein rein buchhändlerisches hinausgeht. Ihr Wunsch, Wissen über Judentum in der direkten Auseinandersetzung mit Menschen weiterzugeben und Bücher nicht nur als Ware zu verstehen, sondern deren Inhalt und Autoren als gelebte Erfahrung zu vermitteln, ließen sie eine regelmäßige Veranstaltungsreihe einrichten, in der die unterschiedlichsten Positionen zum Themenkomplex Judentum – von Hans Jonas bis Henryk M. Broder, von François Bondy bis George Tabori – vorgestellt werden.

„Für mich gibt es ein breites Spektrum an Judentümern, und da ich parteilich und ideologisch ungebunden bin, kann ich meinen Kunden den Dialog erleichtern. Sie können sich halt aussuchen, was sie wollen.“ Charmant lächelnd und bestimmt sagt sie das. Denn sie weiß, daß ihr pluralistisches Angebot eine Chance ist, Programme zu vermitteln, die von jüdischen offiziellen Institutionen nicht immer aufgenommen werden können.

Rachel Salamander ist eine Kämpferin. Ihre Attraktivität strahlt Resolutheit aus, ihre Mimik wirkt wohlüberlegt, distanziert – ja, beinahe kühl. Diese Härte, die wohl jede erfolgreiche Frau im Beruf braucht, ist gleichzeitig der Schutzmantel für ihre jüdisch-melancholische Verletzlichkeit. Ihre Weichheit, ihre Zartheit spürt man, wenn sie voller Liebe über ihren Glauben und ihre Familie spricht. „Ich hatte das Glück, ungebrochenes und intaktes Judentum leben zu können und es mir nicht erst später theoretisch aneignen zu müssen. Das soziale Umfeld im Lager stimmte. Auch nach dem Umzug nach München blieb dies erhalten, da wir in ein Haus zogen, in dem achtzehn jüdische Familien lebten.“