Von Carl-Ludwig Holtfrerich

Dies ist ein wichtiges zeitgeschichtliches Buch. Auf der Grundlage neuen Archivmaterials, persönlicher Briefe und Papiere, Interviews mit Zeitzeugen, Memoiren und Sekundärliteratur gewinnt der amerikanische Physiker und Wissenschaftsautor Arnold Kramish neue Erkenntnisse nicht nur zur Haltung namhafter deutscher Physiker zur Atombombenforschung während des Zweiten Weltkrieges, sondern über die Motivation, das Ausmaß, die Praktiken und Ziele geheimdienstlicher Aktivitäten gegen das Hitler-Regime:

  • Arnold Kramish:

Der Greif. Paul Rosbaud – Der Mann, der Hitlers Atompläne scheitern ließ

Aus dem Amerikanischen von Gabriele Burkhardt und Ricarda Strobel; Kindler Verlag, München 1987; 352 S., 42,– DM

Im Zentrum des Buches steht ein Mann von außerordentlichem Mut und Geschick, Dr. Paul Rosbaud, mit Decknamen „Der Greif“, der auf seine Weise mit erstaunlichem Erfolg mitten aus Berlin heraus am Krieg gegen Hitler teilnahm. Er war hauptberuflich wissenschaftlicher Berater der wichtigen metallurgischen Fachzeitschrift Metallwirtschaft und des naturwissenschaftlich renommierten Springer Verlages. Er pflegte Verbindungen zu den bedeutendsten Naturwissenschaftlern nicht nur Berlins, sondern ganz Europas. Er nutzte diese sowie die Arbeits- und Reisemöglichkeiten, die sich aus seiner verlegerischen Arbeit ergaben, für die Zwecke seiner geheimdienstlichen Kampagne gegen die Nazis.

Rosbaud setzte durch, daß der Bericht über Otto Hahns und Fritz Strassmanns bahnbrechendes Experiment vom Dezember 1938, das allerdings erst von der emigrierten Lise Meitner als Kernspaltung erkannt wurde, sofort, das heißt Anfang 1939, in der Springer-Zeitschrift Naturwissenschaften veröffentlicht und damit eine Monopolisierung, dieses Wissens zugunsten der deutschen Atomforschung verhindert wurde. Er wird von Kramish als der Lieferant des in Geheimdienstkreisen berühmten Oslo Report identifiziert, der im November 1939 Informationen über die deutsche Raketenforschung in Peenemünde den Briten zuspielte; Der Greif benutzte eine deutsche Buchausstellung in Oslo, die er möglicherweise selbst angeregt hatte und die zur Förderung der Zusammenarbeit zwischen beiden Ländern mit dem Segen von Goebbels’ Propagandaministerium stattfand, zur Versendung des Spionagematerials in einer von höchster staatlicher Stelle sanktionierten Lieferung.