Das Leichte, Unterhaltende hatte es in unserer Literatur selten so leicht wie gegenwärtig. Spätestens seit Sloterdijk uns ermächtigt hat, das Ernste zu verlachen und nur noch das Lächerliche ernst zu nehmen, seit die Postmodernismen fröhlich die Trümmer und Zitate höherer Künste mit dem Alltagsbanalen mischen, gehen die Verleger auf Suche nach den „weniger langweiligen Büchern“.

Das Leichte hat es zwar im Moment leicht, ist aber bekanntlich nicht leicht zu machen. Wo der Leser ernsthaft nach Lesespaß sucht, bleibt er doch wieder auf die Späße italienischer Semiotikprofessoren angewiesen – oder eben auf Krimi-Klassiker wie Chandler. Die nennenswerteste und erfolgreichste heimische Ausnahme ist gewiß Henscheids „Trilogie des laufenden Schwachsinns“.

Frieder Faist, dessen erster Roman „Schattenspiele“ fast ein Krimi war, hat nun ein Buch veröffentlicht, das sich an der Erzählhaltung Chandlers und Henscheids orientiert: „Nebenrollen“.

Der ehemüde Erzähler, ein Antiquitätenhändler, lernt einen alten, erfolglosen Schauspieler namens Fritz Bieler kennen, der sich als Unterhalter in Altersheimen oder Verkaufsförderer in Kinderabteilungen von Warenhäusern durchschlägt und davon träumt, einmal als „Lear“ auf der Bühne zu stehen. Der Antiquitätenhändler kann zur Hilfestellung überredet werden, weil er sich in die vermeintliche Tochter des Nebenrollen-Schauspielers verguckt. Die Hilfe besteht darin, daß er in vermeintlicher Abwesenheit der Ehefrau eine vermeintliche Hochzeitsfeier mit der vermeintlichen Tochter als Vorwand für eine Einladung des Shakespeare-Regisseurs Reto Suter arrangiert, mit dem er einst die Schulbank gedrückt hatte.

Natürlich wird der Lear durch das Fest nicht neu besetzt, aber unter den Gästen fehlt niemand, der ins komische Rollenfach solcher Partys gehört: Ein immobiliengeiler Regisseur, ein schnapsversessener Leichtathlet, eine gesprächsgruppenerfahrene Gruppentherapie-Anhängerin samt Analytiker, eine photofreudige Helga, ein fernsehlustiger Konrad, ein diskurserprobter Philosoph, ein Perkussionist namens Ohnbedacht, ein Hübschchen, ein steifer Kriminalbeamter in gehobener Position, ein Japaner, eine Dogge und so weiter. Natürlich kehrt unvermutet die Ehefrau heim, natürlich kommt die Polizei, natürlich wird von den vermeintlichen Ausländern des Partydienstes die Bestellung verwechselt, natürlich kommt auch sonst alles vor, was der Boulevard so an Verwechslungsspäßchen entwickelt hat.

Die Spezifik des Buches aber macht Fritz Bieler aus, der Nebenrollen-Schauspieler, ein sympathischer, schnorrender Schwätzer, der in seinen reißenden, aber nie abreißenden Redefluß alles gleichmacherisch zitiert, was deutsche Bildung nur zur Verfügung hat: „Auf die Worte der Dichter angewiesen, fehlt es uns oft am eigenen Text. Das könnte, so wie ich es sagte, auch von Goethe sein. Kommt noch der Umstand hinzu, daß mir die Rezitationsabende das Repertoire verhunzen. Balladen, Aphorismen, gar Sprichwörter schleichen sich ein.“

Leider ist auch in diesem Roman manches verhunzt. Er ist nicht so witzig, nicht so unterhaltend, wie er sein will. Das hängt mit allzu vielen Vermeintlichkeiten, allzu vielen Typisierungen, allzu vielen Zitaten zusammen. Auch der Spaß entkommt dem Gesetz der Ökonomie nicht so leicht. Karl-Heinz Götze