ZDF, Sonntag, 5. April: Stadtschreiber Matinee: „Im Rathaus“ – Ludwig Harig in Mainz

Ein Unbehauster ist er nicht. Der Schriftsteller Ludwig Hang weiß, wo er hingehört: nach Sulzbach, einem alten Bergmannsort, nicht weit von Saarbrücken entfernt. Dieser Harig liebt seine Heimat und betont, in geordneten Verhältnissen zu leben. Das kann man ihm wirklich nicht vorwerfen. Auch gehört es zu den liebenswerten Irrtümern jeder Art Heimatliteratur, die weite Welt für ein ganz kleines Kaff zu halten. Das ist Notwehr. Erst wenn der Heimatdichter sein Kaff für die Welt hält, sein Schreiben ein Ausgrenzen und der enge Horizont zur Botschaft wird, ist die Notwehr ganz unsererseits. Zum Beispiel angesichts der Harigschen Zauberformel. Sie heißt Sulzbach.

Immerhin erlebte man jetzt in einer ZDF-Sonntagsmatinee den Sulzbacher Dichter zu Besuch in Mainz, sozusagen auf Weltreise. Noch bevor man ihn, besonders für sein letztes Buch, „Ordnung ist das ganze Leben“, feierte, zeigte uns Hang einen kleinen Film. Er handelte von Sulzbach: Sulzbacher Impressionen. Das Häuschen des Dichters, das Wäldchen seiner Kinderspiele, das Weiherchen, in dem für ihn bis heute Märchenwesen wohnen. Noch einmal erfuhren wir, was wir aus Harigs Roman über seinen Vater schon wußten. Vater liebte Marschmusik, Spalierobst und Fernsehballett. Der Sohn liebt die Wörter. Harig zeigte uns auch den inzwischen stillgelegten Schlachthof von Sulzbach, wo ihn früher Blut in Eimern und tote Augen erschreckten. Nachhaltig beeindruckt haben ihn diese Erlebnisse nicht. Schließlich ist er nicht Heiner Müller, sondern ein Sulzbacher. Im Mainzer Rathaussaal las er vor den Kameras noch einmal aus dem „Roman meines Vaters“. Zum offenkundigen Vergnügen seines Auditoriums trug er das Kapitel „Fertig ist die Laube“ vor und im Anschluß „Ist kein Letzen ohne Metzen“. Ganz unvermittelt kam die Behauptung des Moderators: „Darüber lohnt sich ein Gespräch.“ Scheue Zuhörer stellten gut vorbereitete und vor allem völlig harmlose Fragen. Und das, obwohl Harig in seinem Roman in der Figur des Vaters einen üblen deutschen Mitläufer hofiert und das Buch für ein neokonservatives Geschichtsverständnis steht, nach dem jeder schlicht als das Opfer seiner Zeit erscheint (von den Opfern natürlich nicht zu reden).

Aber dem freundlich lächelnden Dichter blieb in dieser ZDF-Matinee fast alles erspart. Es war wie in Sulzbach: heil. In Wahrheit aber blickte man in ein Gruselkabinett. Solche Feierstunden für solche Bücher haben wir also schon nötig. Es scheint uns furchtbar zu gehen.

Helmut Schödel