„Der Angriff“ von Theodor Kotulla

Ein Landhaus am Rande eines kleinen Dorfes, von Wald und Wiesen umgeben. Wie in dieser Idylle Gewalt entsteht. Und wie darüber vieles zerbricht. Wie sogar das Alltägliche nicht länger selbstverständlich bleibt. Wie der freundliche Umgangston in Mißtrauen und Argwohn umschlägt. Und wie das Mißtrauen sich langsam zum Wahn verdichtet, der alles bannt: Gefühle, Gedanken, Taten. Darum vor allem geht es in Kotullas Film.

Die attraktive Mieterin der Landvilla, eine Fremde aus der Stadt (Pascale Petit), wird eines Tages von zwei einheimischen Jungs angegriffen und belästigt. Sie wehrt sich und kann fliehen. Doch die Folgen lassen das Dorf zur Hölle werden: Vorwurf steht gegen Vorwurf, Verdächtigung gegen Verdächtigung. Alte Ängste brechen auf – und tragen die Maske der Aggression. Die kleinen Feindseligkeiten steigern sich schließlich zur Obsession; die aber erreicht letztlich nur das Gegenteil: neue Ängste, neue Aggressionen. Manchmal wirkt der Film wie ein bedächtiges, deutsches Remake von Peckinpahs „Straw Dogs“. Eine Atmosphäre der Gefahr und Gewalt herrscht vor, ohne daß letzten Endes geschieht, was zu geschehen droht. Vor dem Terror der schnellen Tat liegen hierzulande – glücklicherweise – Skepsis, Vorsicht und Selbstzweifel. Hierzulande öffnet niemand das Fenster und schießt, wenn er durchdreht. Hier hält man das Fenster geschlossen und bringt die ganze Familie dazu, ebenfalls durchzudrehen.

Theodor Kotulla, der mit „Aus einem deutschen Leben“ einen der wichtigsten deutschen Filme der siebziger Jahre gedreht hat, findet für seinen kammerspielartigen Psychothriller nicht immer die entsprechende Sprache. So spannend die Geschichte, so spannungslos ist oft die Inszenierung. Seine beiden wichtigsten Darsteller, Pascale Petit und Michael König, zeigen deutlich, wie wenig Lust sie miteinander und aufeinander haben. Und Jacques Steyns Kamera ist zwar gelegentlich von einer atemberaubenden Beweglichkeit – aber sie verdichtet das Geschehen damit nicht, sie ornamentalisiert es bloß. Norbert Grob

„Versteckte Liebe“ von Gottfried Junker

An Kretas ferner Küste lebt einsam der deutsche Dichter. Tapfer kämpft er gegen Sinn- und Schaffenskrisen, erfolglos gegen die Langeweile. Der Dichter zwingt sich rigoros zu Muße und Beschaulichkeit, und beschaulich sieht die Kamera ihm dabei zu. Junkers Film sei sterbenslangweilig, höhnt mancher Rezensent, aber das ist ein Mißverständnis: Nur der Held ist ein Langweiler. Wenn der Dichter, dem großspurige Gesten nicht fremd sind, meditierend auf dem Küchentisch thront, ist vom Zuschauer Nachsicht gefordert. Wenn er, blöde grinsend, den glücklichen Griechen schmachtende Blicke nachwirft, wird man schon mißtrauisch. Wenn er aber, vorlaut und herrisch, harmlosen griechischen Kindern das Fernsehen verbietet, weil das nicht in sein Bild von der südlichen Idylle paßt, dann ist der Held als Ekel entlarvt: Dieser Mann ist zu jeder Schandtat fähig. Leider begnügt sich Junker mit Andeutungen: Im gleißenden Mittagslicht erscheint Dimitra, ein elfjähriges Mädchen, ebenso unschuldig wie geheimnisvoll, und der Dichter verliebt sich, stellt ihr nach, sie necken sich, dann darf der Mann ihr durchs Haar streichen, und sie kost scheu seine Nase. Vielleicht wird der Dichter darüber ein Buch schreiben.

Gottfried Junker ist ein sensibler Regisseur: Die südlichen Lichtspiele, die panische Mittagsstimmung und die langen Schatten des Abends filmt er mit Hingabe, in üppigem Schwarzweiß. Die Menschen hingegen, für die er sich im Grunde nicht zu interessieren scheint, sind ihm eher grau geraten. „Versteckte Liebe“ erzählt wenig von des Dichters Liebe zu der griechischen Lolita, um so mehr aber von des Filmers Leidenschaft für das Licht und die Landschaft Kretas: Ein Werbefilm für Alternativ-Touristen. Claudius Seidl