/ Von Joseph Huber

Was macht einen Computer oder eine .Glasfaserkabel für die Sozialwissenschaft interessant? Das könnte die Veränderung von Verhaltensgewohnheiten sein. Vielleicht ist es in einer nicht allzu fernen Zukunft möglich, mit Hilfe eines Spracherkennungscomputers einem Küchenherd zu sagen, er solle die Milch heiß machen. Falls er funktioniert, wird er sich rechtzeitig automatisch abschalten; wenn nicht, wird die Milch überkochen.

Es gibt auch interessante psychologische und philosophische Aspekte. Der Mensch betrachtet sich im Spiegel seiner technischen Werke. So kam vor etwa dreihundert Jahren die Vorstellung auf, Mensch und Tier seien letztlich nichts anderes als komplizierte Uhrwerke, also komplizierte Maschinen – und was die Menschmaschine von der Tiermaschine unterscheide, sei der Verstand. Was damals das Uhrwerk war, symbolisiert heute zunehmend der Computer. So verbreiten sich in letzter Zeit Vorstellungen, das Gehirn sei letztlich nichts anderes als ein komplizierter Computer, Ideen und Ideologien gewissermaßen die Programme, nach denen er läuft. Das Denken könnte man – so gesehen – getrost den Rechenmaschinen überlassen. Als rationales Tier hätte der Mensch ausgedient, aber als emotionale Maschine könnten wir noch etwas nützen. Es sei dahingestellt, ob diese Art der Kurzschlußphilosophie zu etwas nütze ist, außer vielleicht, um uns den Bankrott eines vereinseitigten Nützlichkeitsdenkens vor Augen zu führen.

Tatsächlich interessant sind neue Techniken für die Sozial- und Wirtschaftswissenschaft, wenn sie eine Schlüsselstellung haben. Sie begründen dann neue Wirtschafts- und Berufs-, aber auch neue Wissenschaftszweige. Jedesmal, wenn sich eine Generation von Schlüsseltechnologien entfaltet, entsteht ein langfristiger Wirtschaftszyklus, der vierzig bis sechzig Jahre dauern kann. Der erste dieser Zyklen, die ursprüngliche industrielle Revolution in den Jahren 1790 bis 1850, wurde initiiert durch die Dampfmaschine, die Spinn- und Webmaschinen der Textilindustrie antrieb. Dann folgten die Eisenbahn und die Dampfschiffahrt samt der damit verbundenen Kohle- und Eisenindustrie. Die Schlüsseltechniken der darauffolgenden wilhelminischen Ära waren die Elektrifizierung und die Chemie in ihren Anfängen. Die vorerst letzte Prosperitätsphase des Wirtschaftswunders der fünfziger und sechziger Jahre wurde vor allem von der Massenmotorisierung getragen. Derzeit beginnt die Massencomputerisierung und der Aufbau neuer Infrastrukturen im Bereich der Telekommunikation.

Verschiebungen solchen Ausmaßes verursachen entsprechend große Reibungen. Umstellungsprobleme und Konflikte sind ein unausweichlicher Bestandteil des Strukturwandels. Alte Zentren verlieren an Bedeutung, neue entstehen – man denke an die Nord-Süd-Verschiebung in der Bundesrepublik und in Frankreich oder die neue geopolitische Bedeutung der pazifischen Staaten. Ebenso verlieren alte Arbeiteraristokratien, wie zum Beispiel die Drucker und Schriftsetzer, an Bedeutung. Dafür bilden sich ganz neue Berufsgruppen.

Solche Umstellungen führen zu manchmal dramatischen Veränderungen im Leben der betroffenen Menschen. Dort, wo der technische Wandel unmittelbar stattfindet, kann das etwa so aussehen, daß sich pro Arbeitsplatz, der durch Einführung neuer Technik entsteht, vier bis sieben alte Arbeitsplätze erübrigen.

Angesichts dieser permanenten Revolution der Lebensbedingungen ist es kaum verwunderlich, wenn neue Techniken nicht nur Hoffnungen wecken, sondern auch Ängste – etwa die vor dem „Großen Bruder“, der uns in ein umfassendes Überwachungsnetz verstricken könnte und damit die grundgesetzlichen Freiheiten zunichte machen würde; oder die Angst vor dem „Kollegen Computer“, der der Arbeitsgesellschaft womöglich die Arbeit wegnehmen könnte, oder die Angst vor einer durch Computerirrtum ausgelösten atomaren Vernichtung und überhaupt vor Katastrophen wie Bophal und Tschernobyl, dem Waldsterben und auch der jüngsten Rheinverseuchung.