Regensburg

Als vor mehr als tausend Jahren der heilige Bischof Wolfgang in Regensburg eine eigene Schule für seine Domknaben gründete, ahnte er nicht, daß dieser Chor ein Jahrtausend später gezwungen sein würde, sich die "Verkehrsgeltung" seines Namens gerichtlich bescheinigen zu lassen.

Der Name "Domspatzen" ist den frommen Goldkehlchen und der dahinterstehenden Stiftung (die natürlich genauso heißt), wie sich jetzt zeigte, eine halbe Million Mark wert. Läßt sich dieses Markenzeichen doch so schön mit flatternden Vögelchen assoziieren – eine klammheimliche und vor allem kostenlose Werbung für die Welttourneen der kleinen Stars aus Regensburg.

Nicht nur als schnöder Frevel, sondern geradezu als massive Geschäftsschädigung mußte es da erscheinen, wenn sich jetzt ein noch in der Werbephase befindlicher privater Lokalsender frech das angestammte Wappentierchen der Domsänger ins eigene Nest setzte und die neue Firma "Radio Domspatz" zu nennen wagte. Der für den Vogelraub verantwortliche Chefredakteur kündigte auch noch unverfroren an, der Spatz werde nicht nur von Briefköpfen und Plakaten lachen, sondern im Programm "zu bestimmten Sendungen zirpen". Das war zuviel für die Hüter der kirchenmusikalischen Tradition. Sie machten die Sache "gerichtsmäßig", wie es in Bayern heißt, und verlangten eine Einstweilige Verfügung gegen die Spatzenräuber, die der "sittenwidrigen und unlauteren Rufausbeutung" bezichtigt wurden.

Der Streit gelangte bis vor die Erste Zivilkammer des Regensburger Landgerichts. Dort argumentierten die Anwälte der Domspatzen-Stiftung (die in Regensburg ein staatlich anerkanntes Musikgymnasium mit Internat und eine eigene zweiklassige Volksschule unterhält), die Verwendung des traditionsreichen Namens berge eine "mittelbare Verwechslungsgefahr". Der unbedarfte Rundfunkhörer könne vermuten, daß Domchor, Musikgymnasium oder gar die Diözese an dem Sender beteiligt seien oder das Programm mitgestalteten – und das könne bei etwaigen Äußerungen etwa zum Sexualleben unverheirateter junger Leute peinlich werden.

Die Radiostation – ein Zusammenschluß von sieben privaten Anbietern –, die in wenigen Wochen mit der Ausstrahlung ihres Programms beginnen will, verwies vergeblich darauf, daß auch eine Regensburger Brauerei mit dem "Domspatz" als Markenzeichen geworben habe. Die Bierfirma ist in kirchlichem Besitz. Die Richter ließen sich von den Argumenten der Sänger überzeugen und untersagten dem Lokalsender mit einer Einstweiligen Verfügung und unter Androhung von 500 000 Mark Ordnungsgeld bzw. sechs Monaten Ordnungshaft, den Namen "Radio Domspatz" zu führen. Sämtliche Plakate, Werbeaufkleber und Briefbögen müssen ausgetauscht werden.

Den Kompromißvorschlag eines "Domspatzen"-Anwalts, das Radio "Dachspatz" zu nennen, hatten die Rundfunkmacher übrigens empört zurückgewiesen. Dachspatz erinnere an "Dachrinne". In einem Brainstorming haben sie sich jetzt selbst ein neues Prädikat einfallen lassen. Die Radiostation soll "Donauspatz" heißen. Gewässer haben in Deutschland bekanntlich keine Lobby.

Christian Feldmann