Von Tom R. Schulz

New-Age-Musik stürzt den Kritiker in einige Verlegenheit. Versucht er, sie nur mit seinen herkömmlichen musikalischen Kriterien zu beurteilen, hat er von vornherein verloren. Da sich ihre Wirkung, wie ihre Verteidiger behaupten, ohnehin nicht im Gehirn und im Verstand des über Musik nachdenkenden Menschen entfaltet, sondern vielmehr dazu da ist, seine wunde, von den Verletzungen der Zivilisation gepeinigte Seele zu pflegen, setzt sich der kühl argumentierende Kritiker sofort ins Unrecht. Denn so fortschrittlich und vernünftig gerade einem Musickritiker die Distanz zum rein kausalen Denken erscheinen und so vertraut ihm die Suche nach Spiritualität und religio sein muß, so fad, ermüdend und abstoßend klingt das meiste, was die New-Age-Musiker bislang hervorgebracht haben. Die klanglichen Begleiterscheinungen des Neuen Bewußtseins sind ein gewaltiger, bestürzender Rückschritt, jaein Verrat an der komplexen, absoluten, hochentwickelten Musik des 20. Jahrhunderts.

In einem höchst unvorteilhaft ins Deutsche übersetzten Begleittext „Dialogue With The Ocean“ erteilt der chinesische Komponist David Mingyue Liang sogar eine Generalabsolution von der Sünde des Unverstands: Weil nämlich „heutzutage die Menschen nicht mehr länger zu viel an Energie aufbringen können, um die Existenz der Tonalität in der atonalen Musik zu entdecken“, vom geplagten, hochintelligenten Wesen Mensch das verständige Zuhören also offenbar nicht mehr verlangt werden kann, darf er jetzt in den Strampelanzug zurück und mit Erlaubnis berufener Stellen um musikalische Kinderkost bitten: „Der moderne Mensch benötigt Geradlinigkeit und Einfachheit“, diagnostiziert Liang, der im übrigen auch das die Menschheit seit Jahrhunderten beschäftigende Rätsel, wozu die Musik eigentlich da sei, gelöst hat: „Die Absicht der Musik ist es“, hat er herausgefunden, „Körper und Seele von ihrem Druck zu befreien und einen Zustand der Transzendenz mittels eines Klangmediums zu erreichen.“

Hätte Liang seinen Kunden diese allgemeinen und die ebenso verquasten besonderen Ausführungen zu seinen Kompositionen erspart, wäre seine Platte weitaus reizvoller. Denn sie ist eines der wenigen besseren Beispiele für eine Spielart der New-Age-Musik, in der traditionelle Elemente ethnischer Musik mit den Klangwelten aus dem Computer konfrontiert werden. Die freiwillige Beschränkung auf einige wenige Parameter der Musik empfindet man als westeuropäischer Hörer nur deswegen nicht als Verarmung, weil sich die Klangfarben der vielen chinesischen Instrumente, die Liang verwendet, noch nicht abgenutzt haben. Doch ohne den Exoten-Bonus bliebe seine Musik farblos.

Seit wir im Zeitalter der Reproduzierbarkeit des Kunstwerks leben, gibt es für das Auftauchen neuer künstlerischer Ausdrucksformen nicht mehr nur die idealistische, ganz auf Sinn und Form des Kunstwerks bezogene Begründung, sondern auch eine platt materialistische, die sich auf Bilanzen und Geschäftsinteressen der an der Verbreitung von Kunst beteiligten Kreise bezieht. Im Falle der New-Age-Musik dürfen wir uns also nicht nur fragen, ob diese Kunstform der adäquate Ausdruck für das Neue Zeitalter ist, in das die Welt seit dem 5. Februar 1962 eingetreten ist. Vielmehr dürfen wir annehmen, daß die Profitmaximierung auch im Zeichen des Wassermanns oberstes Gebot geblieben ist und daß speziell die Schallplattenindustrie die unverhoffte Hinwendung vieler Menschen zu Spiritualität und Sinnsuche herzlich willkommen heißt. Kann sie durch ein neuartiges Repertoire-Angebot, auf dem fett ein „New-Age“-Label prangt, doch endlich die äußerst fahrlässige Vernachlässigung der mittelalten Käufer wieder gutmachen, die sie sich in den siebziger Jahren hatte zuschulden kommen lassen.

Denn als den Jugendlichen das Geld knapp zu werden begann und der Umsatz der Tonträger dramatisch zurückging, kam die Industrie bei der Ursachenforschung auch auf dieses Versäumnis. Durch die Entwicklung der Compact Disc kam damals die Rettung in letzter Minute, weil die höhere technische Qualität auch die erwachsenen Musikliebhaber dazu brachte, zum Kauf der silbernen Scheiben mal wieder ein Plattengeschäft zu betreten. Doch seit das Neue Zeitalter sich weniger Melodie und Rhythmus als primär Harmonie von New-Age-Musikern in erstklassiger technischer Qualität liefern läßt, können die Eltern der jugendlichen Hitkäufer auch endlich mit einem attraktiven, neuen und speziell für ihre Generation geschaffenen Repertoire in die Läden gelockt werden.

Dieser Zusammenhang klingt zweifellos wenig esoterisch. Doch drängt er sich unabweisbar auf: Zur Zeit vergeht nämlich kaum ein Monat, in dem nicht irgendeine große Plattenfirma stolz die Geburt eines neuen New-Age-Labels ankündigt. Teilweise handelt es sich um früher unabhängig gewesene kleine Firmen wie das Windham-Hill-Label, dessen Gründer William Ackerman als Pionier der freundlichen, konfliktscheuen Musik gilt, die nun von den Plattenmultis gekauft wurden, teilweise versuchen die Firmen, längst verschollen geglaubte Künstler durch die Assoziation mit dem umsatzträchtigen New-Age-Begriff wieder ins Gespräch zu bringen.