Schüsse und Schlägereien, Gebete und Geschrei haben den Papst auf seiner Reise durch Chile begleitet. Die Unterdrückten erwarteten von Johannes Paul II. ein hartes Wort gegen den Diktator, die Militärs hingegen ein Lob für ihren katholisch verbrämten Antikommunismus.

Hätte der Papst das Dilemma vorhersehen müssen? In ihrer langen Geschichte hat die Kirche Lateinamerikas nicht immer auf seiten der Gerechtigkeit gestanden; daß sie sich in Chile dazu durchgerungen hat, verdient Anerkennung. Daß sie indes als moralische Instanz nun doch wieder – freiwillig oder gezwungen – eine profilierte Position in der Politik beziehen mußte, mag ihr kurzfristig helfen; auf lange Sicht kann sie daran keine Freude haben.

Demokratische Stabilität wird sich in Lateinamerika nur durchsetzen, wenn die Glaubenskriege um rechts oder links, gottgefällig oder atheistisch endlich der Vergangenheit angehören, wenn nicht für Prinzipien gefoltert und gestorben, sondern für pragmatischen Fortschritt geschuftet wird. Die Kirche muß die Zehn Gebote anmahnen; sie durchzusetzen übersteigt ihr Amt und ihre Möglichkeiten. Pinochet hat es demonstriert, Johannes Paul II., hat es schmerzlich erfahren müssen. H. B.