Der Hund kommt!“ – was für ein lakonischer Titel. Vieles ist vorstellbar, und die Nöstlinger-Kenner – ausgehend vom verwirrend vielfältigen Œuvre der Autorin – gehen garantiert in die Irre. Verblüfft registriert der Leser eine Landschaft, in der sich Tiere und Menschen selbstverständlich in einem ganz und gar menschlichen Umfeld bewegen: ein Bär als Lehrer, der Polizist als Widder, ein Schwein mit schillernder Karriere als Falschspieler, Statist und Mime. Warum? Ich weiß es nicht, stelle aber fest, daß man sich rasch an die gemischte Gesellschaft gewöhnt, ohne das Fabel-hafte der Geschichte aus den Augen zu verlieren. Menschliches Verhalten in der Charaktermaske von Tieren läßt sich offenbar humorvoller vorführen als mit realistischen Mitteln. Die tierische Sozietät gerät der Nöstlinger unversehens philosophisch.

Der Hund, Protagonist der Geschichte, wird bald zum armen Hund; denn er denkt nur an Freundespflicht und „Menschenliebe“. Und gerät folgerichtig in Teufels Küche. „Du bist ein armes Schwein“, sagt der Hund zum Schwein, das ihn beim Kartenspiel systematisch bemogelt hat. „Ab jetzt werde ich dein Freund sein, dann brauchst du die Karten nicht mehr.“ Und der Hund besiegelt sein Versprechen mit einem Schwur. Per Vorderpfote. Jeden Tag läßt er unauffällig eine Münze fallen, damit das Schwein sie finden und an sein Glück glauben mag. Überall leistet der gute, freundliche Hund erfolgreichen Beistand, richtet sich bis zur Selbstaufgabe nach dem Notwendigen, ohne an den eigenen Vorteil zu denken, der Grundgütige. Folgerichtig endet er als steckbrieflich Gesuchter, als „Bescholtener“. C’est le viel

Wer so lebt, wer so denkt, ist am Ende in den Schwanz gekniffen. So einer muß froh sein, nochmal davonzukommen. Vorläufig wenigstens. Eigentlich eine melancholische Geschichte, die rundheraus sagt, daß man mit Güte, Liebe, Freundschaft nicht weit kommt in der Welt. Christine Nöstlinger bringt das Kunststück fertig, daß der Leser dies lächelnd zur Kenntnis nimmt. Die Bilder von Jutta Bauer setzen diese Ansichten hintersinnig in bunte Szene. Gert Haucke

Christine Nöstlinger: „Der Hund kommt!“

Beltz & Gelberg, Weinheim, 200 S., 22,– DM