Geno Hartlaub, Jahrgang 1915, war das „Wunder- und Millionenkind“ der zwanziger Jahre. Die Tochter des berühmten Kunsthistorikers G. F. Hartlaub wuchs auf zwischen Neuer Sachlichkeit und Magischem Realismus, behütet in der geschützten bürgerlichen Innerlichkeit, gefördert in der kreativen Atmosphäre der Künstlerwelt, bis sie – 1933 aus politischen Gründen nicht zum Studium zugelassen – mit dem konfrontiert wurde, was sie später den „Alptraum der Geschichte“ nannte. 1938 studiert sie für ein Jahr in Italien; 1939 wird sie als Wehrmachtshelferin dienstverpflichtet; sie erlebt Kriegsjahre in Frankreich und Norwegen. Die Wirklichkeit der Diktatur- und Krisenzeit empfindet sie als feindlich; die Freiheit, die „draußen“ verboten ist, scheint nur mehr „innen“ sich zu entfalten.

Der Traum als Gegenbild zur Wirklichkeit wird das Thema, das die Schriftstellerin Geno Hartlaub immer wieder umkreist, dessen Spannung sie manchmal fruchtbar aufbrechen kann, das sich manchmal aber auch im Klischee verliert.

Was das „verirrte Kind aus deutschen Märchenwäldern“ in den vierzig Jahren deutscher Nachkriegsgeschichte erfahren, erlebt, erlitten und literarisch gestaltet hat, zeigt exemplarisch ein jetzt im Scherz-Verlag erschienener Band mit siebenundzwanzig „Ausgewählten Erzählungen“: „Die Uhr der Träume“.

Leider hat sich der Verlag weder die Mühe gemacht, die „bedeutende Schriftstellerin unserer Zeit“ kurz vorzustellen, noch wird die Auswahl der Erzählungen und ihre (jedenfalls nicht chronologische) Reihenfolge begründet. Und ein äußerst dürftiger, aber dafür zweimal abgedruckter Klappentext („ein wohltuendes Refugium vor der nüchternen, unerbittlich harten Realität“) stempelt das Buch zur gefälligen After-Eight-Lektüre.

Dabei wäre es, gerade auch aus einer gewissen Distanz heraus, vieles zu entdecken. Geno Hartlaub, die einmal bekannte, sie habe ihr Leben lang „Schwierigkeiten mit dem, was man Zeitgenossenschaft nennt“ gehabt, dokumentiert andererseits diskret und oft nicht wenig subtil den Geist und Ungeist unserer Geschichte.

So gelingt es ihr in einer um 1950 entstandenen Erzählung („Wie ’n Engel“), die antrainierte Sklavenmoral des Nationalsozialismus, ihre mörderischen Folgen und die Bedingungen für die (später konstatierte) Unfähigkeit zu trauern sichtbar zu machen. In einer anderen Geschichte zeichnet sie aus der Perspektive einer Elfjährigen den „schönen Sommer im Jahre Null“ und den intensiven Wunsch der Kinder nach einem ganz anderen Leben, ohne Krieg, ohne Eltern, aufgehoben in einer wild blühenden Natur. Ein Wunsch, der Illusion bleibt, denn die Eltern übernehmen wieder die Ordnung: „Ein Jahr Null“, würden sie sagen, „gibt es nicht. Auch nach den schlimmsten Kriegen und Katastrophen beginnt die Zeit niemals von vorn.“

Der Traum vom Aufbruch zu einem ganz anderen Leben prägt auch die Frauengestalten, die Geno Hartlaub in wechselnden Zeiten und Ländern mal heiter, mal bissig und gelegentlich ganz schlicht kitschig porträtierte.