Von Dorothea Hilgenberg

Zwei Männer lernen sich 1936 in Oslo kennen und reden „bis in die späte Nacht hinein“. Der eine ist ein Lehrer aus Schottland, der andere ein vor den Nazis geflohener Jude und Psychoanalytiker. Zwanzig Jahre lang schreiben sie sich Briefe. Sie plaudern über Alltägliches, machen ihrem Herzen Luft wegen privater Probleme, erzählen von ihrer Arbeit, ermuntern einander und streiten, wo sie dem anderen widersprechen müssen. Da ihnen später das Amerika des McCarthy durch Visumsverweigerung keine weiteren Begegnungen mehr erlaubt, können sie sich über ihre Ideen, Hoffnungen und Rückschläge nur noch schriftlich unterhalten. Man versucht, Mißverständnisse und die unvermeidliche Entfremdung trotz der Entfernung zu überwinden.

Der Respekt, den Alexander Neill und der später nach Amerika ausgewanderte Wilhelm Reich einander entgegenbrachten, überwand Konflikte und Erschütterungen. So ist der Briefwechsel bis zum Schluß mehr als ein aufschlußreiches Dokument für Biographen. Er erzählt einen langen, bewegenden Lebensabschnitt der beiden Außenseiter, die sich bewunderten und brauchten, um leichter gegen den Strom schwimmen zu können. Es ist eine sehr persönliche, im Verlauf schneller werdende, bald atemlose Geschichte über zwei faszinierende Eigenbrötler, ein gemeinsames Ideal und eine schlimme Zeit. Die „Zeugnisse einer Freundschaft“ handeln auch vom engen Denken unduldsamer Kleingeister, die widerborstige Ideen als Störfeuer des bürgerlichen Friedens auszuschalten trachten. Eindringlich, doch ohne Pathos schildern sie, wie sie den vor Energien sprühenden Reich vernichten – ohne daß der Freund in Europa die Möglichkeit hat, einzugreifen.

Reich und Neill ähnelten sich in ihrem Naturell nicht gerade. Humorvoll, tolerant und praktisch war der Lehrer, ein rigides, unaufhörlich funkelndes Temperament der Forscher. Die Welt des einen mag wenig mit der des anderen zu tun gehabt haben. Doch einte den für seine radikalen Erziehungsansichten bekannten Pädagogen und den wegen seiner unorthodoxen Theorien bei Freudianern in Ungnade gefallenen Psychoanalytiker die gemeinsame Vision: Sie glaubten an die erlösende Kraft einer uneingeschränkten natürlichen Entwicklung. Beide kämpften in ihrem Bereich gegen die „gepanzerten“ und „hartbäuchigen“ Menschen, die sie für Kriege und Konflikte verantwortlich machten.

Reich nutzte ein Verfahren (Charakteranalyse kombiniert mit einer muskelentspannenden Therapie), das die Patienten seelisch und körperlich entkrampfen sollte. Neill versuchte der „Panzerung“ vorzubeugen, indem er den Kindern in Summerhill viel Freiheit und schöpferische Ausdrucksmöglichkeiten gab, sie „selbstreguliert“ aufwachsen ließ. Beide stritten gegen die sexuelle Unterdrückung, weil sie darin ein Hauptübel für gesellschaftliche Unfreiheit sahen.

Sie blieben Außenseiter. Erst die Apo-Studenten, die sich von freien Lebens- und Erziehungsformen eine neue Welt erhofften, haben gierig ihre Bücher verschlungen. Reich und Neill hatten ihnen praktisch und theoretisch viel zu sagen. Auch die Ideale einer klassenlosen Gesellschaft haben sie bereits vorausgeträumt – und lange vor den rebellierenden Studenten unter dem Verrat gelitten, den Osteuropas Kommunisten am Ideal ihrer „Arbeiterdemokratie“ begingen.

Mit Reichs Worten: „Wir haben die Erfahrung gemacht, daß der sogenannte Proletarier in seiner Struktur nicht weniger bürgerlich ist als der Bürger.“ Auch Neill hatte bereits 1941 erkennen müssen, daß seine Insel, auf der er Kinder so zwanglos wie möglich aufwachsen lassen durfte, nur im Westen liegen konnte: „Es ist absurd, daß ich nur unter dem Kapitalismus Pionierarbeit zur Erziehung leisten konnte. Ich weiß, was die Nazis mit mir gemacht hätten; aber was würde ein kommunistischer Staat mit mir machen? Ich könnte nie die Kinder dazu bringen, die „Rote Fahne“ zu singen oder Marx zu studieren.“