Lassen Sie sich nicht durch die Bilder der Nasa täuschen, auf denen die Planeten in zarten Pastellfarben erscheinen wie wunderbare Märchenwelten. Man sieht es den Bildern von der wolkenverhüllten Venus nicht an, daß der erste Atemzug der Luft des Planeten, den die Alten nach der Göttin der Liebe benannt haben, einem Menschen die Lunge zerfressen würde. Wahrscheinlich würde der Todeskampf eines Astronauten nur wenig länger währen, wenn er am Mars ungeschützt seine Kapsel verließe“. So begründet Rudolf Kippenhahn im Nachwort seines Buches über Planeten, Monde und Kometen, warum er – trotz Einwänden aus dem Verlag – seinem jüngsten Werk den Titel „Unheimliche Welten“ gegeben hat.

Die planetare Schönheit täuscht in der Tat: Der große Rote Fleck zum Beispiel in der wirbelnden Wolkenhülle des Jupiter bietet aus sicherer Ferne zwar einen ästhetischen Anblick – in der Realität ist er jedoch ein Hurrikan, der seit über hundert Jahren an nahezu gleicher Stelle tobt und dessen Durchmesser mit 40 000 Kilometern weit größer ist als jener der Erde. Die Atmosphäre, die da brodelt, ist stickig und bitterkalt (-150 Grad Celsius), enthält unter anderem Helium, Wasserstoff, Methan sowie ätzenden Ammoniak. Jupiter, im alten Rom als Herr des Blitzes und Donners verehrt, macht seinem Namen alle Ehre – und stinkt obendrein atemberaubend nach Salmiak.

Der erfolgreiche Autor Kippenhahn, hauptberuflich Direktor des Max-Planck-Instituts für Astrophysik in Garching bei München, kennt sehr wohl die Verlockungen der Gestirne, ihre nahezu katalytische Wirkung auf die Phantasie. Schreibt er doch: „Der Jupiter bietet dem Beobachter ein kurzweiliges Programm. Bis in unsere Tage ist die Jupiterscheibe ein beliebtes Studienobjekt der Amateurastronomen geblieben.“ Zwei Seelen kämpfen denn auch, für den Leser durchaus spürbar, in Kippenhahns Brust: Jene des stets um Objektivität und Korrektheit bemühten Wissenschaftlers mit jener des zu Science-fiction, sprühender Phantasie und Humor neigenden Erzählers, der sein Leserpublikum mit überraschenden Einlagen bei der Stange halten will.

So ist das Buch primär eine didaktisch geschickt aufgebaute Vorlesung über die Planeten, Monde und Kometen unseres Sonnensystems. Eingestreut in dieses nahrhafte Stück sind Lese-Appetit anregende Erzähl-Trüffel: Viele Anekdoten und interessante Fakten – und ein Hauch von Science-fiction. Angeregt von Jules Vernes, läßt Kippenhahn einen fiktiven Herrn Meyer, den es zusammen mit Professor Palmiro Rosette und anderen Wissenschaftlern auf den kleinen Kometen Gallia verschlagen hat, durch unser Sonnensystem reisen. Herr Meyer hat den Vorteil, daß er ständig naive Fragen stellen kann, etwa beim Vorbeiflug an Merkur oder wenn er sich „auf Kollisionskurs mit einem Marsmond befindet“. Unter der kundigen Leitung von Professor Rosette steigt er sogar hinab in das Innere des Kometen Gallia. Die Wissenschaftler haben ein tiefes Loch gebuddelt, interessiert sie doch brennend, ob ihre neue Heimat ähnlich wie der Komet Halley ein aus Staub und Eis bestehender schmutziger Schneeball ist. Vorbei geht es dann an Jupiter, Trümmer hagelt es bei der Durchquerung der Saturn-Ringe.

Zu seinem fragenden Meyer schreibt der Autor: „Ich benutze ihn als Hilfsmittel, meine Leser die Welt der Planeten erleben zu lassen. Aber es liegt mir fern, mich mit den Meyer-Geschichten der Science-fiction-Literatur zu nähern.“ Dies ist Kippenhahns Programm: Deutlich gewinnt immer wieder das wissenschaftliche Element über das erzählerische die Oberhand. Bisweilen ist der Übergang von den unregelmäßig eingestreuten Reisepassagen auf dem Kometen Gallia zu der sachlichen Beschreibung eines neu am Erzählhorizont auftauchenden Planeten recht unvermittelt – als habe sich Kippenhahn selbst zur Ordnung und zurück in die wissenschaftliche Realität gerufen.

Deshalb ist es wohl etwas verwegen, wenn der Verlag das Buch als „Roman der Planeten“ vorstellt. Vielmehr handelt es sich um ein gut lesbares Sachbuch, das ohne Mathematik eine solide Vorstellung von der Astrophysik unseres Sonnensystems vermittelt und mit vielen Abbildungen oder Zeichnungen auch recht komplizierte Zusammenhänge anschaulich erklärt. Warum entfernt sich der Mond langsam von der Erde, warum sind seine Berge höher als die irdischen? Was zwingt ihn in die Form eines Eies, das stets mit der Spitze auf die Erde zeigt? Wieso beschreibt der Planet Venus im Laufe der Monate komplizierte Schleifenbahnen am Himmel? Der Leser findet aber auch einfache Eselsbrücken, etwa um sich die Reihenfolge der Planeten vom sonnennächsten bis hin zum äußersten einfach zu merken: Statt die Folge Merkur, Venus, Erde, Mars, Jupiter, Saturn, Uranus, Neptun und Pluto auswendig zu pauken, helfe, so Kippenhahn, „vielleicht der ansonsten ziemlich einfältige Satz: Mein Vater erklärt mir jeden Sonntag unsere neun Planeten.“

Wie so häufig auf Eselspfaden, ist Vorsicht geboten: Kaum einer weiß, daß Neptun und Pluto 1979 ihre Plätze für die nächsten 20 Jahre getauscht haben. Erst 1999 wird Pluto wieder der äußerste Planet sein. Der Grund: Plutos Bahn um die Sonne ist stark elliptisch, dadurch schwankt sein Abstand zur Sonne erheblich. Derzeit befindet er sich auf seiner 248 Jahre währenden Reise um das Zentralgestirn in der sonnennächsten Phase und hat sich vor Neptun gedrängelt.