Von Verena Auffermann

Der Vater ist der Satan. Ihm hat Leonora Carrington viel zu verdanken. Erst macht er mit ihr, was er, dann macht sie mit ihm, was sie will. Er erklärt sie zum schwarzen Schaf der Familie. Sie rebelliert bis zum Wahnsinn. Er will sie im U-Boot nach Südafrika abschieben. Sie reibt sich während des Nachtessens die Füße mit Senf ein. Sie wünscht ihren Vater, und mit ihm die gesamte feine englische Gesellschaft, zur Hölle und verliebt sich in Max Ernst. Der nennt sie „meine Windsbraut“ und nimmt sie mit von London nach Paris und illustriert ihre bösen Geschichten, in denen aus Hyänen Debütantinnen und aus Schwestern Mörderinnen werden. André Breton wird, als er Leonora Carringtons Erzählung in sein „Brevier des Schwarzen Humors“ aufnimmt, ihre bis zum Äußersten gespannte Neugier preisen, sich an ihrer Suche nach dem Verbotenen erfreuen. Für die Bilder, die sie malt, findet er nicht genug lobende Worte. Die Bilder hat sie in der Kindheit erlebt.

Da Harold Wilde Carrington weder ein Lord noch ein Earl ist, erbte er kein Schloß, sondern muß es sich in der nordenglischen Grafschaft Lancashire selbst bauen. Der Parvenü ist, wie es das neue englische Zeitalter will, Textilindustrieller und Präsident eines Chemiekonzerns. Zu Hause herrscht er über Leonora, drei Söhne und seine Frau Maureen, die aus einer südirischen Landarztfamilie kommt. Als die Familie mit der irischen Amme (die in „Unten“, Leonora Carringtons Bericht über ihre Zeit in der spanischen Irrenanstalt Santander, wieder auftaucht), der französischen Gouvernante und mit Pastor O’Connor, dem Hauslehrer und Amateurastrologen in einer Person, vom neuen Schloß Crookney Besitz ergreift, ist die am 6. April 1917 geborene Leonora drei Jahre alt. Sie zeichnet, zeichnet und zeichnet.

Als man ihr das Schreiben beibringen will, schreibt sie in Spiegelschrift. In der Klosterschule Zum Heiligen Grab sieht man hierin einen Beweis geistiger Mangelhaftigkeit. Das können die frommen Frauen in Gottes Namen nicht dulden. Nachdem ein weiterer Erziehungsversuch fehlschlägt, schicken die Carringtons das ungeratene Kind nach Florenz, wo es ihr in den Uffizien besonders gut gefällt. Der finishing touch oder das, was noch zu retten ist, soll ihr in Paris zukommen. Mit siebzehn wird Leonora endlich alt genug sein, um in die englische Gesellschaft am Hof Georgs V. auf der Garden-Party im Buckingham Palace, beim Pferderennen in Ascot eingeführt zu werden. Ihr Wille ist, da sie gehorcht, nicht gebrochen, nur betäubt.

Sie sammelt für den Racheakt. Ob sie malt, Erzählungen oder Theaterstücke schreibt, sie wird darin die Räume der Kindheit verwüsten und den Vater tausend verschiedene Tode sterben lassen. Die Tiere des Waldes, der Wüste, der Märchenwelt werden ihr die untertänigsten Mordgesellen sein.

Leonora Carringtons Gegenwelten, ihre Erzählungen („Die ovale Dame“, 1982 im Qumram-Verlag erschienen), ihr Roman („Das Hörrohr“, im vergangenen Herbst bei Suhrkamp), ihre Theaterstücke („Ein Flanellnachthemd“, Qumram-Verlag, 1985), ihr Bericht über den Wahnsinn („Unten“, Suhrkamp-Verlag, 1981) gewähren Einblicke in phantastische Schreckenskammern, zeigen Rätselbilder und mythische Scharaden. Die Erzählerin treibt ein tolles, verantwortungsloses Spiel, das alle Regeln außer acht läßt, Surreales mit englischem Humor unterfüttert und im „Hörrohr“ unserer schönen neuen Welt endgültig Valet zuruft. Die Apokalypse ist angesagt. Die steinalte Marian, heroinsüchtig und taub, spielt die Rolle des posaunenden Engels von Jericho. Die Welt wartet auf die Erlösung oder auf nichts mehr, sie ist weiß und kalt, zertrümmert liegt sie unterm Schnee. Während die Wölfe heulen, wird Marlborough, ihr König, Vater. Anubeth bringt in der venezianischen Arche sechs gesunde Welpen zur Welt. Das Leben ist gerettet. Aber der Mensch ist tot.

Sie sei die schönste Frau gewesen, die ihm je zu Augen gekommen ist, berichtet Jimmy Ernst in den „Nicht gerade ein Stilleben“ überschriebenen Erinnerungen an seinen Vater. Auf der Londoner Privatakademie des belgischen Malers Amedee Ozenfant lernte 1937 Max Ernst Leonora Carrington kennen. Sie war neunzehn und Max Ernst mehr als doppelt so alt. Für Paris ist Leonora Carrington wie ein funkelndes Souvenir, eine Glücksbeute für den habgierigen surrealistischen Freundeskreis. André Breton, Man Ray,Paul Eluard, Leonor Fini, Marcel Duchamps und die vier Jahre ältere Meret Oppenheim hat Leonora Carrington in ihrer Pariser Zeit kennengelernt.