Von Wend Kässens

Das Schlaraffenland war schon ein Thema in Gerhard Köpfs Rede anläßlich seiner Ernennung zum Stadtschreiber von Bergen-Enkheim im vorigen Herbst. „Widerstand gegen die Unvernunft“ nannte der 1948 in Pfronten geborene Erzähler darin seine Aufgabe als Schriftsteller („im republikanischen Dienst wider die Katastrophilie“) und führte aus: „Unvernunft liegt zuhauf in unserem Schlaraffenland mit seiner Freizeit in der Endzeit, mit seinen kollektiven Entlastungen als der großen Ausrede der gebenedeiten Untröstlichkeit, die aus dem Katastrophilismus ihren honorarbewußten Religionsersatz filtrieren.“

Dieses mit so pompös komplizierten Worten definierte Schlaraffenland steht im Mittelpunkt von Köpfs drittem Roman „Die Erbengemeinschaft“ – ein Schlaraffenland im Schlaf der Vernunft, der bekanntlich Ungeheuer gebiert, den man aber für den des Gerechten hält.

Die amerikanische „Mac Donnald Unltd.“ verfilmt das Schlaraffenland unter dem Titel „Der süße Brei“ und hat sich – so will es das erzählende Ich, das sich selbst als „Unserallerkind“ bezeichnet – neben dem Schloß Neuschwanstein jenes Thulsern dafür ausgesucht, das wir aus Köpfs früheren Romanen kennen, ein bundesdeutsches Überall, das dennoch als Köpfs Heimat, als südliches Allgäu zu erkennen ist. Aber Unserallerkind weiß sich auch nur als Produkt eines sogenannten „Weltgedächtnisses“, als dessen Verkörperung eine getrocknete, beschnitzte Kalebasse erscheint, ein Kürbis in der Größe eines Medizinballes. Diese „tätowierte Weltenbrust“ aus dem brasilianischen Belém, die Unserallerkind offiziell als Erbteil des weitgereisten Onkel Firmian zugesprochen wurde, stellt die Schrift für tausendundeine Geschichte. Unserallerkind, Erzähler des Erzählers Köpf, versteht sie zu lesen und wiederzugeben.

Anläßlich der Dreharbeiten für den Film, die den Erzähler an den Ort seiner Kindheit und seiner Vorfahren zurückgebracht haben, öffnet er seiner ihn liebenden Alfina zur Abschreckung mit Hilfe der „Weltenbrust“ Einblicke in fünf Generationen Geschichte und Geschichten seiner „Altvordern“, läßt er die Gespenster der Vergangenheit lebendig werden, „das Gerümpel von Generationen“, in dem mit zwinkernder Ironie auch der Mythos einer polnischen Urmutter Jascha beschworen wird, die sich mit Drago, dem Wolfshund aus den polnischen Sümpfen, ins Thulsernische aufgemacht haben soll.

Im Pfarrhaus zu Thorn an der Weichsel sei ihr Johann Michael Feneberg aus Thulsern begegnet, Mitglied der Thulserner Erweckungsbewegung, „von der schon Karlina Piloti, die Rhapsodin aus dem Lande Innerfern, sowie deren Nachfolgerin, die Landwirtschaftsnonne Canisia im Streckenjournal des verschollenen... Streckenwärters Konradin Kaspar Aggwyler zu berichten wußte“ – womit Köpfs beide ersten Romane, „Innerfern“ und „Die Strecke“ kunstvoll in „Die Erbengemeinschaft“ eingebunden wären.

Jascha und Feneberg begründeten die Erbengemeinschaft durch die Zeugung von Kosmas, dem späteren Tüftler und Glockenspieler. Kosmas, so erzählt Unserallerkind, „führte die italienische Flora heim und zeugte mit ihr Kaspar, Benedikt, Pirmin, Regula und Svea. Benedikt wanderte aus, Pirmin fiel für Volk und Vaterland, Regula nahm den Schleier, und Svea, die Jüngste, wurde ein Luder. Flora blieb im Kindbett. Ihr Ältester, Kaspar, ging zur Bahn und wurde mein Großvater. Er ehelichte die Sattlerstochter Walburg aus Nesselwang und zeugte mit ihr drei Söhne: Luis, Baptist und Firmian. Luis wurde Fremdenführer, Baptist wurde Weichensteller, Firmian wurde der Herr der sieben Meere. Baptist heiratete Kathi, zeugte Martin und Unserallerkind“ – und so weiter.