Von Hansjakob Stehle

Buenos Aires/Santiago de Chile, im April

Wie stets in unschuldiges Weiß gekleidet, hatte sich die Prominenz der chilenischen Militärdiktatur in der Moneda, dem Regierungspalast von Santiago, mit dem Papst sehen lassen. Doch nicht ihr – und an diesem geschichtsträchtigen Ort – sagte Johannes Paul II. seine Meinung. Mühsam war ein Verzicht auf Reden vereinbart worden; nur im Vier-Augen-Gespräch bekam General Pinochet dringende Fragen zu hören. Schon auf dem Flugplatz hatte freilich der Diktator seine Begrüßungsansprache zum massiven Versuch benutzt, den polnischen Papst („der wie wenige andere jene extremste materialistische und atheistische Ideologie einschätzen kann“, die Chile und die Menschheit bedrohe) politisch für sich zu vereinnahmen. Hingegen hatte sich der Papst eher zaghaft und allgemein als „ausschließlich religiöser“ Bote vorgestellt, der die Menschenwürde und den „Sieg des Guten über das Böse“ verkünde.

Erst eine Woche später, als er in der Casa Rosada, dem Regierungspalast in Buenos Aires, dem Präsidenten Alfonsin und Politikern aller Parteien Argentiniens begegnete, nahm er kein Blatt mehr vor den Mund, rühmte er die Wiederherstellung der Demokratie in diesem Land und sagte: „Es ist unerläßliche Pflicht staatlicher Autorität, auch in extremen Konfliktsituationen die Menschenrechte zu schützen und zu fördern und nicht der häufigen Versuchung zu erliegen, Gewalt mit Gewalt zu beantworten.“

Hatten nicht Millionen Chilenen erwartet, daß der Papst eben dies ihrem; General öffentlich ins Gesicht sagen würde? Daß der „Bruder Papst“ kommen würde, um – wie es Spruchbänder der Regimegegner wünschten – „den Tyrannen wegzunehmen“, ihn abzukanzeln, konnte aber niemand im Ernst erwarten. Schon deshalb nicht, weil dies zu einer Verschärfung der innenpolitischen Konfrontation hätte führen müssen, die nicht Sache eines Papstes sein kann. Oder sollte das etwas damit zu tun haben, daß die chilenischen Militärs, „die dem Volk den Krieg erklärt haben“ (so der eher konservative Bischof Santos), doch eine Art von kleinerem Übel sind?

Während des Fluges von Rom nach Südamerika fragte ich den Papst, ob es für ihn ein Unterschied sei, wenn er mit einem Diktator spreche, der gottgläubig sei, oder mit einem, der ungläubig ist. Die Antwort kam – auf deutsch – zögernd und nachdenklich: „Das ist vielleicht nicht die Hauptsache, nicht das Wesentliche. Das Wichtigste ist, was für ein Diktator, was für eine Diktatur es ist...“

„Gibt es denn bessere und schlechtere?“