Von Franz Schöler

Mit dem Argument der überlegenen Technik werben die Erfinder der digitalen Musickonserve seit dem Tag, an dem sie die Compact Disc (CD) einführten. Triftigster Kaufanreiz für den, der seine Lieblingsaufnahmen, die er schon auf schwarzen Schallplatten hat, gegen diese Laserplatten tauscht, ist die Vorstellung von besserer und unverwüstlicher Wiedergabequalität. Da mutet es allerdings wie ein Witz oder wie ein zynisches Spiel mit Käufererwartungen an, wenn ausgerechnet ein – auch technisch sehr gut gerüsteter – Plattenkonzern wie die EMI seine erfolgreichsten Künstler plötzlich wider alle Vernunft (klangtechnisch) unter Wert zu handeln beginnt.

Nach langwierigen Auseinandersetzungen nämlich sind seit der letzten Februarwoche die Beatles mit ihren ersten vier Langspielplatten „Please Please Me“, „With The Beatles“, „A Hard Day’s Night“ und „Beatles For Sale“ endlich auch auf CD zu haben. Allerdings nicht in den Stereo-Abmischungen, die man seit mehr als zwei Jahrzehnten kaufen kann, sondern in ebenso antikem wie anachronistischem Mono-Mix, der in den frühen sechziger Jahren noch für all jene LP-Käufer produziert wurde, die noch keine Stereoanlagen hatten.

Mit dem Argument, hier handele es sich um „die authentischen Original-Mono-Abmischungen“ – angeblich doch also um eine Antiquität für Sammler –, wirbt die EMI in großformatigen Anzeigen für diese technisch zweifelhaften Wiederveröffentlichungen. Daß es sich – anders als bei vielen britischen Pop-Produktion jener Jahre – um originale Mehrspur-Aufzeichnungen in einer für die Zeit überdurchschnittlich guten Klangqualität handelt, wird geflissentlich verschwiegen.

So entbehrt denn auch die Begründung, die der für die Mono-CD-Überspielungen im Abbey Road Studio zuständige Tonmeister, Mike Jarratt, einem Reporter des Branchenblattes „Music Week“ anvertraute, nicht einer gewissen unfreiwilligen Komik. Er habe die verwendeten Bänder, sagt Jarratt, mit derselben extremen Sorgfalt behandelt wie ein Gemälde von Rembrandt. Zwar hätte man beim Umschnitt – der „Digitalisierung“ der Aufnahmen – durchaus Nachbearbeitungen vornehmen können, und er persönlich wäre sogar überrascht, wenn nicht genau das doch noch jemand demnächst versuchen würde; aber man möge bitte verstehen, daß das nicht der Job gewesen sei, mit dem man ihn betraut hatte.

Die Rechtfertigungsversuche – angeblich wollte auch Beatles Produzent George Martin die vier frühen LPs seiner berühmtesten Klienten nur auf Mono-CDs publiziert wissen – können kaum kaschieren, daß es sich bei solcher Vermarktungsstrategie eher um Bauernfängerei handelt. Denn erklärte Politik des Hauses ist es nach Aussage Ernst Rothes, des Cheftechnikers der deutschen EMI-Tochter Electrola in Köln, doch sonst, ausschließlich die originalen Mutterbänder für CD-Überspielungen zu verwenden und gegebenenfalls überall dort, wo man mit der klangtechnischen Qualität nicht ganz zufrieden ist, von den ursprünglichen Mehrspur-Aufzeichnungen für CD-Überspielungen wie LP-Wiederveröffentlichung die bestmöglichen Stereo-Abmischungen neu herzustellen. Man fühle sich diesem Qualitätsanspruch verpflichtet, seit man die Möglichkeit habe, ältere Aufnahmen mit Hilfe von modernstem Studiogerät klangtechnisch zu restaurieren.

Warum man das nicht auch im Fall der vorliegenden Beatles-Aufnahmen praktiziert hat, jener Gruppe also, die der EMI immerhin die größten Umsätze und Profite in der langen Geschichte des Schallplattenunternehmens eingebracht hat, konnte oder mochte auch Ernst Rothe nicht kommentieren. Der Electrola-Chef Wilfried Jung versicherte jedenfalls nach Rücksprache mit Peter Townsend, dem Abbey-Road-Studio-Manager, daß künftige Beatles CDs von „Help!“ und „Rubber Soul“ bis „Let It Be“ in ursprünglicher Stereo-Gestalt veröffentlicht würden.