Jürg Altwegg und Aurel Schmidt: "Französische Denker der Gegenwart", Porträts

Die Sprünge, Mißverständnisse und Übergänge zwischen deutscher und französischer Philosophie gehören zum spannendsten, was das europäische Denken derzeit zu bieten hat. Nach den heftigen Abstoßungsversuchen des akademischen Denkbetriebs, für den Namen wie Habermas und Frank stehen, erscheint es angebracht, den französischen Denkern neue Wege der Verständigung zu bahnen. Jürg Altwegg und Aurel Schmidt ist mit ihrem Buch nur ein unbefriedigender Zwitter gelungen (Verlag C. H. Beck, München 1987; 206 S., 16,80 DM). In alphabetischer Folge präsentieren sie zwar eine Ahnengalerie des französischen Denkens, die von Barthes, Derrida, Foucault bis zu Glucksmann und Virilio reicht; zu wenig aber werden die Verbindungs- und Trennungslinien nachgezeichnet, die diese Autoren in ihrem Denken aufweisen. Hinter dem Versuch, auch der persönlichen Autorengeschichte gerecht zu werden, verschwimmt das philosophische Denkgerüst oft bis zur Unkenntlichkeit. So etwa bei Derrida, dem auf breitem Raum politisches Engagement bescheinigt wird, dessen enorme Wirkung, die er mit seinem methodischen Begriff der Dekonstruktion erzielt hat, aber kaum angemessen entfaltet wird. Altwegg und Schmidt haben versucht, das französische Denken aus der Frontstellung herauszunehmen, in die es in Deutschland durch den Vorwurf einer Abkehr von der Politik gestellt ist. Ein Nachschlagewerk mit ungenauen Daten ist entstanden. Jean Baudrillards virtuoser Denkansatz, dessen Begriffsakrobatik gewiß nur schwer zusammenzufassen ist, gerinnt zu einer Liste von Schlagworten, die dessen Diskurs ohnehin schon zur Genüge kennzeichnen. Die Schwierigkeit, die Virtuosität französischen Denkens – das die Grenzen zwischen Literatur und Theorie immer wieder überschreitet – auf den Begriff zu bringen, ist diesem Buch anzumerken, das allzusehr in seinem lexikalischen Charakter verhaftet bleibt. Die Hinzunahme einiger unbekannter Autoren verkraftet dann aber nicht das Auslassen eines Denkers wie George Bataille, auf den sich nicht nur "Neue Philosophen", sondern auch deutsche Denker berufen. Harry Nutt

Oliver Storz: "Die Nebelkinder", Roman

Von den Schuldigen, den Opfern, den Mitläufern haben wir mittlerweile viel gelesen. Weniger von jenen, die dagegen waren, ohne es richtig zu zeigen, zu jung, um zu begreifen, was um sie herum geschah. Wie der Arzt Heinrich Abel und sein achtjähriger Sohn Philipp. Sie ziehen im Sommer 1937 in die schwäbische Kleinstadt Solstett. Die Veränderung durch die braunen Herren hat dort gerade begonnen, schleichend und durchaus nicht so anonym wie in den großen Städten. Dazu kennen sie einander zu genau, die Nazi-Anhänger und die Schweigenden, dadurch ist auch die Grenze fließend zwischen politischer Haltung und trotz allem recht intaktem nachbarschaftlichen Verständnis. Die Jungen, die hineinwachsen in die Zeit, tappen verwirrt durch dieses undurchschaubare Labyrinth menschlicher Verflechtungen, auf der Suche nach den Regeln, die das Spiel der Erwachsenen bestimmen: "Nebelkinder" nennt Oliver Storz sie in seinem Roman (Hoffman und Campe, Hamburg 1986; 320 S., 34,– DM). Hier wird aus unnormaler Zeit eine leise, normale Geschichte erzählt, in der die Liebe ihren Platz hat und die Komik, in der das Groteske das Tragische unauffällig ablöst. Ein leises Buch, gut geschrieben und gebaut, klar und flüssig erzählt und – obwohl es sich nicht besserwisserisch hervordrängt – mitnichten jenseits aller Nachdenklichkeit. Mit Humor zudem, der sich nicht anbiedert. Unterhaltung wohl auch – aber von der Art gerne mehr!

Jutta Duhm-Heitzmann

Luciano De Crescenzo: "oi dialogoi – Von der Kunst miteinander zu reden"

Natürlich: Ein Italiener, rhetorikgeschult, hat uns etwas über die Gesprächskunst zu sagen. Das ist vor allem die Kunst des richtigen Fragens, die nicht nur Sokrates, sondern auch De Crescenzos Professor Bellavista glänzend beherrscht (Diogenes Verlag, Zürich 1987; 207 S., 26,80 DM). Im Nu hat der Professor eine Schar eifriger Schüler aus Neapels Straßen um sich gesammelt, die – pfiffige Kerlchen im besten Mannesalter – einer italienischen Filmklamotte entsprungen sein könnten. Man weiß zuzuhören, Kontra zu geben, zu zweifeln und zu verstehen; und das auf dem sicheren Boden alltäglicher Erfahrungen und ohne jede Furcht vor eigenen geistigen Höhenflügen. Eingewoben in kleine erzählerische Handlungen geht es unter anderem ums Fernsehen, um die Liebe zum Auto, um die Silvesterknallerei, um Ufo-Glauben und um Heiligenwunder, um Weltverbesserung und um Schüchternheit, kurz: um die Mythen des Alltags. Es handelt sich zunächst um den neapolitanischen Alltag der Habenichtse und Gernegroße, die, wenn sie von Neapel sprechen, von dem Feind Mailand nicht schweigen. Sie bleiben Typen, pädagogische Handpuppen, die auch in ihr hellenistisches Erbe integrierbar sind, mehr noch: Die Disputierer der Antike widmen sich den Fragen und Problemen einer modernen Industriegesellschaft. De Crescenzo kann dabei aus einer Dannemann-Biographie schöpfen: Er ist Ex-Manager, Medienliebling und Philosoph. Er zeigt, ähnlich wie Paul Watzlawick, daß die Beschäftigung mit komplizierten Fragen nicht nur Arbeit, sondern auch Vergnügen bereiten kann. Und er plädiert, ganz unprätentiös, für eine politische Kultur und eine Ethik des Dialogs. Beata Berta