Von Michael Braun

Eine ungewöhnliche Karriere: Aus einem literaturbesessenen Ästhetiker ist der streng soziobiologisch denkende Privatsekretär eines Insektenforschers geworden. Und doch begegnet dieser "Ideenmensch", der Held in Michael Krügers jüngster Erzählung, seiner früheren Passion gleichsam auf Schritt und Tritt: Der Literatur begegnet der kluge Naturforscher buchstäblich an jeder Straßenecke, tragen doch aldie Straßen, die im Verlauf der Erzählung durch– eilt, die Namen eines deutschen Dichters. Zurückgekehrt in seine nicht näher bezeichnete Heimatstadt, um am Grab seiner Mutter eine Rede zu halten und damit lästige Familienpflichten zu erfüllen, erlebt der Ich-Erzähler vierundzwanzig überaus ereignisreiche Stunden, verstrickt sich in allerlei amüsante Turbulenzen, bevor er kurz vor der Trauerfeier die Flucht ergreift.

Überall trifft der philosophisch inspirierte Insektenforscher zuvor auf ein Universum der Bildung und Halbbildung, kreuzen heimliche Enzyklopädisten oder verbissene Akademiker, die mit unabschließbaren Dissertations-Projekten beschäftigt sind, seinen Weg. Da ist die attraktive Doktorandin, die "Ästhetikerin", wie sie der von ihr erotisch affizierte Insektenforscher liebevoll nennt, die sich am Riesenprojekt einer "Theorie der Moderne" versucht. Da erscheint der als "Nazi" verschriene ältere Herr, ein genauer Kenner der Werke Adalbert Stifters, der im betrunkenen Zustand seine Lieblingsgedichte in den Originalsprachen zu rezitieren versteht. Schließlich erweist sich auch der chilenische Taxifahrer als Doktor der Philosophie und verhinderter Romancier.

In dreizehn kurzen Kapiteln, schrulligen Episoden und tragikomischen Geschichten, erzählt Krüger nicht ohne autobiographische Anspielungen die Geschichte eines Intellektuellen, der in Gesprächen und, Monologen die wichtigsten Stationen seines Lebens Revue passieren läßt. Die Schlüsselrolle in der literarischen Sozialisation des Helden kommt dabei dem verstorbenen Vater zu, dessen "Antwort auf die Krise der Welt" darin bestand, "sich mit einem Band von Sue oder Fontane auf sein Sofa zu legen und zu lesen".

Dieses Lebensmodell blieb zum Scheitern verurteilt, nicht zuletzt aufgrund des unerbittlichen Pragmatismus der Mutter und der "drei tragen Schwestern" in dieser un-heiligen deutschen Familie. Mit sanfter Ironie und melancholischer Heiterkeit widmet sich der Ich-Erzähler seinen Figuren, läßt sie zappeln in ihrem rührenden Ungeschick; auch die eigene Tolpatschigkeit wird nicht verschwiegen.

Diese Erzählhaltung Krügers, die alle Vorgänge und Ereignisse ironisch distanziert, ist gegen den Gestus des "unmittelbaren Ausdrucks" gerichtet Denn die Phrasen von "Unmittelbarkeit" und "Identität" gehören, wie der Autor in boshaften Seitenhieben auf eine geschwätzige Kulturschickeria verdeutlicht, zu den leeren Zauberformeln einer banausischen Kunst-als-Unterhaltungs-Gesellschaft, die "nie ein eigener Gedanke angeweht hatte und der dennoch der kulturelle Gesprächsstoff nie ausging".

Die Antwort des Melancholikers auf diesen "universalen Fortschritt aufgeklärter Verblödung", so lautet die wiederkehrende Botschaft in Michael Krügers Erzählungen, ist der Rückzug in die Bücher, das Aufgehen im Kosmos der Lektüre. "Wir haben keine Geschichte mehr, die zu erzählen sich lohnt, wir haben nur noch Bücher, die den Fortschritt der Selbsttäuschung für einen Moment unterbrechen" – ist das keine weitere Diagnose des posthistoire in der Literatur, die da dem Vater des Erzählers in den Mund gelegt wird?