Widersprüche und Widerstände wachsen, doch Michail Gorbatschows Wagnis eröffnet auch Chancen

Von Maria Huber und Christian Schmidt-Häuer

Alle Wege führen nach Moskau. Prominente aller Länder pilgern an die Kremlmauern. Politiker und Schriftgelehrte machen sich zu diplomatischen Missionen und Friedenskonferenzen auf. Michail Gorbatschow greift nach den Sternen: er holt Yoko Ono und Karel Gott aus dem Schlagerhimmel, er läßt Mode-Zaren und -Dynastien, von Pierre Cardin bis zur Familie Burda, an seinem neuen Modell mitschneidern.

Schon zu Beginn des 16. Jahrhunderts träumte der Pleskauer Mönch Filofej vom dritten Rom: „Unser Herrscher ist auf der ganzen Erde der einzige Zar über die Christen, der Lenker der heiligen, göttlichen Throne der Heiligen, ökumenischen, apostolischen Kirche, die, an Stelle der römischen und Konstantinopeler Kirche, in der von Gott geretteten Stadt Moskau ... ist. Sie allein leuchtet auf dem ganzen Erdkreis heller als die Sonne. Denn wisse ... Alle christlichen Reiche sind vergangen und sind zusammen übergegangen in das eine Reich unseres Herrschers, gemäß den prophetischen Büchern: Das ist das russische Reich. Denn zwei Rome sind gefallen, aber das dritte steht, und ein viertes wird es nicht geben.“

Moskau, offene Stadt: östliche Verheißungen und westlicher Nachholbedarf lassen die Sowjetmetropole als neues Zentrum des Weltgeschehens erscheinen. Für die Frankfurter Rundschau ist sie sogar zu einem zweiten Wittenberg geworden. Das altliberale Blatt hatte die frühen Prognosen über den neuen Kurs noch verstört als „Vorschußlorbeeren für Michail Gorbatschow“ abgetan. Nun versucht es, durch den kühnen Sprung von Luther zu Gorbatschow, Boden gut zu machen: „Die strukturelle Parallele mit dem Wittenberger Reformer ist auch in anderer Hinsicht verblüffend; denn wie dieser im Katholizismus seiner Zeit ein korruptes, vom ursprünglichen christlichen Glauben abgefallenes System sah, das an Haupt und Gliedern‘ zu reformieren sei, so sieht sich Gorbatschow einem real existierenden Sozialismus gegenüber...“

Der sowjetische Generalsekretär muß allen höchstpersönlich seine neue Lehre predigen: einer lethargischen Bevölkerung und einer sabotierenden Bürokratie, den „Eisenfressern“ unter den sowjetischen Generälen und ihren amerikanischen Verbündeten im Pentagon. Er wünscht keinen Kult. Doch ohne ihn kann er nichts ankurbeln.

„Sie versuchen aus mir einen Gott zu machen“, klagte er jüngst dem argentinischen KP-Vorsitzenden Fava, „aber ich bin keiner. Wenn es einen Gott gibt, ist es das sowjetische Volk selbst.“