Von Michael Zeller

Ein Schriftsteller im Meinungsstreit seiner Epoche, zu Beginn des Jahrhunderts: Gigantenfieber. Um ästhetische Maßstäbe geht es schon lange nicht mehr. Dazu wird der Mann zu oft gelesen. Machtfragen werden ausgefochten auf dem Rücken seiner Schriften. Wo bleibt die Literatur dabei? Ist sie Herrscherin, ist sie Magd? Heilige oder Hure?

„Die. hochwürdigsten Bischöfe, Erzbischöfe, Fürstbischöfe von Breslau, Eichstätt, Freiburg, Culm, Mainz, Münster, Osnabrück, Passau, Würzburg haben in ihren persönlichen Schreiben die Schriften Karl Mays als in jeder Beziehung empfehlenswerte Bücher für das katholische Haus bezeichnet.“ Der Segen von oben läßt die Hingabe hemmungslos sprießen. Ein Pastor in seinem Bekennerdrang, adressiert an die „Villa Shatterhand“ in Radebeul bei Dresden: „Nächstens, wenn ich meine Gemeinde zur Beichte vorbereite, werde ich den Tod Ihres ‚01d Wabble‘ auf die Kanzel bringen, wörtlich, um in meinen Pfarrkindern Reue und Leid zu erwecken.“ Die Stimme aus einem Kloster (weiblich): „Diese Bücher werden die Ehre Gottes befördern, und ich hoffe, daß dadurch noch viele Seelen gerettet werden.“ Und einer, der lesend das Heil schon gewann: „Seit wir Ihre Werke gelesen haben, sind wir keine Sozialdemokraten mehr.“

Aber auch dies: Ein fünfzehnjähriger Bursche erschlägt in Ostpreußen einen Mühlenwächter und gibt vor Gericht zu Protokoll, ein Buch von Karl May habe stark auf seine Phantasie eingewirkt vor der Tat. Oder eine Zeitung (die Sachsenstimme, Liberale Zeitung für das Königreich Sachsen) notiert mit Killer-Instinkt: „Es ist geradezu eine sittliche Pflicht, daß man sich über den ‚Fall May‘ vollständig klar ist, daß man den lauernden Feind erkennt, diesen Brunnenvergifter, der der Jugend das lautere Wasser der reinen Poesie ungenießbar macht.“

Und der Autor – „etwas Kühles, leicht Frierendes war um ihn, gewissermaßen, als stünde er im Winde und fröre ...“ – so erinnert sich George Grosz an den zierlichen kleinen Mann, mit wegspringendem Blick, von Unruhe getrieben auch noch jenseits der Sechzig, verbraucht von jahrzehntelanger Schreibtisch-Fron, in verräterischem, ja ruinösem Eifer um gutbürgerlichen Comment bemüht: der Autor Karl May reagiert auf sein schwankendes Bild in der Gegenwart mit der ihm eigenen widerspruchsvollen Haltung: er plustert sich auf, und er duckt sich weg: eine Kunstfigur, in der diese Existenz ihre größte individuelle Deutlichkeit gewinnt: keine Linie – hektisch gezackte Ausschläge.

Die „Menschheitsfrage“ sieht er in sich verkörpert, nicht weniger, „und zwar durch sich selbst, durch sein eigenes Ich“. Die „Menscheitsfrage ist das ‚Ich‘. Sie ist in Amerika Old Shatterhand, und sie ist im Orient Kara Ben Nemsi Effendi. Sie ist das umgekehrte Pseudonym von Karl May, denn die eigentliche Verfasserin der Reiseerzählungen ist sie, das Pseudonym aber ist er“. Hochfahrend dies, und ganz und gar falsch im Ton. Deshalb alsbald flink hinab in den Krebsgang des Bußfertigen. „Er ist“, schreibt Karl May als Epilog zu seinem Riesen-Œeuvre, „er ist trotz seiner 67 Jahre ein Werdender. Daß seine Reiseerzählungen nur flotte, aber scharftreffende Skizzen, Versuche und Vorübungen für Späterkommendes sein sollen, versteht sich von selbst. Das Skizzieren hört auf, und die eigentliche, wirkliche Arbeit kann beginnen.“

Der letzte Fluchtort, um all den Bischöfen, Äbtissinnen, Journalisten, Richtern, Rechtsanwälten zu entkommen, schreibend: die Feste Burg der Kunst. Die Emigration in die verquollene Symbolik des Alterswerks: ein in jeder Hinsicht eitles Unterfangen, eitel und ehrwürdig. Darüber ging er dann hin – in welche Jagdgründe?