Von Paul Peters

Streit? Es gibt, laut Duden, den heftigen, den erbitterten, wohl auch den müßigen, den gehässigen, gar den blutigen. Wenn es hoch kommt, den gelehrten. Aber wo bleibt der fruchtbare, der erhabene, der klassische Streit? Immer noch wird, im Leben wie in der Literaturgeschichte, über den Streit hinweggesehen, er wird bedauert, verschwiegen, wegerklärt und vergeistigt, selten jedoch begrüßt oder ausgekostet als jenes Lebenselement, das er doch darstellt, für die Literatur wie für den Seelenhaushalt. Schließlich hat Sigmund Freud am Ende seiner Tage die Bereitschaft, sich zu streiten, mit dem Willen zum Leben beinahe gleichgesetzt. Doch diese fundamentale Einsicht hat sich in unserer Haltung gegenüber dem Streit noch nicht niedergeschlagen.

Diesem Mißstand abzuhelfen, kann die Publikation der „Anderen Bibliothek“ dienen: Ludwig Börne und Heinrich Heine, „Ein deutsches Zerwürfnis“, ein Buch, das den vorbildlichen Streitfall der deutschen Literaturgeschichte mit dankenswerter Ausführlichkeit dokumentiert.

Heine und Börne – für die deutschen Zeitgenossen bedeuteten diese Namen die politische Opposition gegen Metternichs Europa: Nichts schien näherliegend, als daß die beiden in Paris, wo sie nach 1830 Zuflucht vor der deutschen Zensur gesucht hatten, eine Allianz bilden würden. Es sollte nicht sein. Es scheint auch im Geistesleben ein principium individuationis vorzuherrschen, das allzu verwandte Naturen sich nicht gegenseitig anziehen, sondern gegenseitig abstoßen läßt. Ansonsten wäre es kaum zu erklären, wieso der getaufte Jude aus Düsseldorf und der getaufte Jude aus Frankfurt, die beiden glänzendsten und radikalsten Publizisten ihrer Zeit, einander zum Schluß fast genauso giftig befehdeten wie das verhaßte System der Restauration.

„In der Literatur wie in den Wäldern der nordamerikanischen Wilden werden die Väter von den Söhnen totgeschlagen .. .“, begründete einmal Heine, geradezu ethnologisch, den literarischen Vatermord. Es gibt indessen auch den Fall des literarischen Brudermordes; und er geschieht vielleicht aus ähnlichen Motiven. Gewalt, schrieb ein Theoretiker des Antikolonialismus, Franz Fanon, entsteht, wenn zwei verschiedene Kräfte den gleichen Raum besetzen wollen. Und vielleicht ist dies nicht die schlechteste Erklärung für die seltsame Wucht des Antagonismus Börne-Heine: daß die beiden im Pariser Exil den begrenzten Raum der Opposition auf verschiedene Art und Weise besetzt halten wollten.

Doch als Erklärung reicht das nicht aus. „Der Haß“, schrieb der Wiener Psychologe Otto Weininger, „ist ein Phänomen der Projektion wie die Liebe. Hassen kann man nur, wovon man sich selber angezogen fühlt.“ Ob dies eine ausreichende Erklärung des Hasses sei, bleibe dahingestellt; auf den Antagonismus Heine-Börne trifft es haarscharf zu. Das, was der eine an dem andern verwirft – Börne den Kunstsinn und das Dichtertum Heines, Heine die sture politische Geradlinigkeit seines Rivalen – ist zugleich das, worum einer den anderen beneidet.

Genauso wie Liebe oder Freundschaft Intimität erzeugt, so tut dies bisweilen auch – die Sprache weiß es – die Feindschaft. Und die Gegner Heine und Börne sind Intimfeinde in einem sehr partikulären Sinne. In dem Spiel von Attraktion und Repulsion, das diese Gegnerschaft ausmacht, erkennt nicht nur jeder den Gegner bis in die feinsten Züge, er selber kann nicht umhin, bei dieser Operation sich selbst mit verwandter Gründlichkeit zu offenbaren.