Außerdem hängt der Musik ein gewisser Mangel an Urbanität an, daß sie, vornehmlich nach Beschaffenheit ihrer Instrumente, ihren Einfluß weiter, als man ihn verlangt (auf die Nachbarschaft), ausbreitet, und so sich gleichsam aufdringt, mithin der Freiheit andrer, außer der musikalischen Gesellschaft, Abbruch tut; welches die Künste, die zu den Augen reden, nicht tun, indem man seine Augen nur wegwenden darf, wenn man ihren Einfluß nicht einlassen will. Es ist hiermit fast so, wie mit der Ergötzung durch einen sich weit ausbreitenden Geruch bewandt. Der, welcher sein parfümiertes Schnupftuch aus der Tasche zieht, traktiert alle um und neben sich wider ihren Willen ...“

Unter dem Aspekt einer Klassifizierung der schönen Künste ist dies gewiß eine Platitüde. Aus ethischer und psychologischer Sicht ist es jedoch eine große Wahrheit. Wer musiziert, stört den, der es nicht hören will. Der Autor dieser so banalen wie fulguranten Wahrheit ist Immanuel Kant („Kritik der Urteilskraft“, Analytik des Erhabenen, § 53).

Lassen wir die Musik für heute auf sich beruhen und wenden wir den Gedanken einmal auf die Werbung an. Ich bin nicht der Ansicht, daß Werbung an sich etwas Schlechtes ist, auch kein infames Komplott der multinationalen Konzerne. Die Händler im alten Piräus, zur Zeit des Perikles, schrien lauthals auf der Straße, daß ihr Samoswein besser als andere sei. Wenn jemand produziert, um zu verkaufen, sieht er sich gehalten, sein Produkt anzupreisen („Äpfel, schöne Äpfel!“). Die Technik ändert sich mit den Zeiten: Solange man nur auf der Straße schreien konnte, schrie man auf der Straße; wenn man sein Produkt in den Zeitungen und im Fernsehen anpreisen kann, tut man es eben dort. Verwerflich sind nur die bewußten Lügner, jene mithin, die behaupten, das Produkt X enthalte die Substanz Y, während chemisch davon keine Rede sein kann.

Aber wir leben heute in einer Zeit, in welcher die Werbung Anschläge auf unser Privatleben verübt, und daher müssen wir uns verteidigen. Es ist nichts Schlimmes dabei, wenn einer erklärt: „Jippie-Eis mundet köstlich“, doch gesetzt, es würde ein Herr in mein Schlafzimmer eindringen, um mir dies zu versichern, während ich gerade beim Liebesspiel bin, so hätte ich sehr wohl das Recht, ihn aus dem Fenster zu werfen. Nun ist es mit der Werbung inzwischen so bewandt, daß zu viele Herren in unsere Schlafzimmer eindringen.

Unterscheiden wir also zwischen einer Werbung, die unsere Freiheit respektiert, und einer, die sich uns schamlos aufdrängt. Die Werbung in den Zeitungen ist den visuellen Künsten bei Kant vergleichbar. Sie macht sich exzessiv breit, aber man kann sie, wenn man die Zeitung liest, überspringen. Später, wenn man sich’s anders überlegt hat und wissen will, welche Autos oder Schuhe gerade im Handel sind, geht man hin und blättert die Zeitungen der vergangenen Woche durch. Respektlos und aufdringlich ist dagegen die Werbung im Fernsehen, die mitten in einen Film hineinplatzt, wenn er gerade am spannendsten ist, und jene, die mich zwingt, eine halbe Stunde im Kino abzusitzen, um zu erfahren, daß ich das tolle Möbelhaus Wisent in fünf Autominuten erreichen kann. Deswegen gehe ich nicht mehr ins Kino. Aber ich schaffe es nicht, auf das Fernsehen zu verzichten. Darum pflege ich, da ich mich schon nicht mehr wehren kann, mich zu rächen.

Wenn mein Film durch den Hinweis unterbrochen wird, daß die Zahnpasta Blix ein Zeug namens Tetrafluoren enthält, kaufe ich mir das nächste Mal, wenn ich Zahnpasta brauche, ein anderes Fabrikat. Ich habe mich darauf reduziert, nur noch ganz unbekannte Zahnpasten zu benutzen, oder solche, deren Werbung es nicht vermocht hat, mir die Marke ins Gedächtnis zu hämmern, die ich nach „ihrem“ Willen bevorzugen soll – aber ich habe trotzdem gesunde Zähne. In Rage bringen mich jene Autobahnraststättenetablissements, die man betritt, um einen Kaffee zu trinken oder um seine Notdurft zu verrichten, und die man erst wieder verlassen kann, nachdem man einen kilometerlangen Weg zwischen Regalen voll begehrenswerter Salami und japanischer Roboter hinter sich hat. In jedem anständigen Laden heißt Freiheit, daß man dort hinausgehen kann, wo man hineingekommen ist. Prinzipiell halte ich an jenen Raststätten nur, um meine Notdurft zu verrichten, und auch nur, wenn es wirklich dringend ist. Aber den Kaffee, die Zigaretten und die Karamelbonbons kaufe ich erst in der nächsten Raststätte. Ich verliere dadurch zehn Minuten, aber ich bestrafe den, der mir seinen Willen aufzudrängen versucht hat.

Und wenn das nun alle täten? Jawohl, liebe Leser, Freunde, Römer, Landsleute, hört mir zu! Fangt alle an, die Fabrikate aufzulisten, die euch am besten im Gedächtnis haften. Es sind diejenigen, die euch am meisten gestört haben, als ihr gerade sehen wolltet, wie der Held seine Heldin küßt oder wie der mysteriöse Würger sein letztes Verbrechen begeht. Prägt euch die Fabrikate gut ein und kauft sie nicht. Erinnert ihr euch aus mysteriösen Gründen, daß Brigg’s Whisky ein „blend“ aus feinsten uralten Scotch-Sorten ist? Es ist das Zeichen, daß Brigg’s euch genau in dem Augenblick gestört hat, als die Siebente Kavallerieschwadron eintraf, um Fort Apache zu befreien. Kauft euch einen anderen Whisky, einer taugt soviel wie der andere. Tun wir es alle. Die Leser des Espresso sind nach den letzten Umfragen durchschnittlich etwa zwei Millionen siebenhunderttausend (und die der Zeit noch einmal gut eineinhalb Millionen). Würden sie alle diesen meinen Appell befolgen, hätten Blix-Zahnpasta und Brigg’s Whisky ziemlich bald ernste Probleme.

Aua dem Italienischen übersetzt von Burkhart Kroeber Copyright: L’Espresso.