"Apologie des Zufälligen": ein Querschnitt durch Marquards konservativen Anarchismus

Von Eckhard Nordhofen

Nach einem Bonmot von Johannes Gross nehmen die Kritiker Hitlers täglich zu. Man könnte die Liste verlängern: auch die Kritiker des Kolonialismus, der Inquisition, der Kreuzzüge und des Kaisers Nero nehmen täglich zu. Die Gemeinde, die sich an der Verabscheuungswürdigkeit der toten Bösewichter und der Verirrungen von gestern wärmt, tut dies unter dem Adelstitel der Kritik.

Sie macht uns derart aufmerksam, wie affirmativ verspätete Kritik sein kann. Affirmative Kritik – die Bejahung einer Negation, die der reale Geschichtsverlauf schon ausgesprochen hat, ist vor allem deswegen eine fatale Sache, weil sie für den, der sich aufrafft, sich gegen den warmen Wind zu stemmen, eine Falle aufgebaut hat. Wer hat schon Lust, sich in den Verdacht zu bringen, ein Verteidiger Hitlers, Neros oder der Inquisition zu sein.

Wie uns der gegenwärtige Zeitrichterkongreß, die sogenannte Historikerdebatte lehrt, kommt keiner, der seine Stimme erheben will, ohne die rituelle Versicherung des Selbstverständlichen aus: Auch ich halte Auschwitz für ein Verbrechen! Der Umgang mit affirmativer Kritik ist eine schwere Kunst, und wir sollten jeden Solisten preisen, der seine Stimme oberhalb der Chorgesänge erhebt. Das hölzerne Eisen einer affirmativen Kritik führt zu einem neuen Maßstab für kritische Kritik. Man nehme die bekannte Formulierung Hegels, wonach Philosophie "... ihre Zeit in Gedanken erfaßt" und lege die Betonung auf das "ihre". Ein philosophischer Kritiker darf sich also nicht wie ein Meutehund verhalten, der seine Verfolgungswut durch Beißen und Beuteln austobt, auch und erst dann, wenn der Wolf schon lange tot ist, die eigene Zeit und sie zuerst ist der Kampfplatz des kritischen Philosophen.

Odo Marquard, der schon durch sein erstes Reclam-Bändchen "Abschied vom Prinzipiellen" (1981) das Ansehen des Stuttgarter Verlags als Pflegestätte der Philosophie vermehrt hatte, hat wieder einige seiner neueren Reden zu einem dieser Bändchen im bescheidenen Gewand komponiert. (Es ist schon lustig, der Verlag des klassischen Understatements heißt ausgerechnet "Reclam"!)

"Apologie des Zufälligen" ist der Titel, und man muß zugeben: Marquard ist ein Künstler, ein Solist, ein kritischer Kritiker, ein Zeitgenosse. Das heißt, er ist ein Kritiker der kurrenten Kritik, ein Metakritiker. Wenn der zeitgenössische Intellektuelle jedem Gegenstand seiner Betrachtung den Ausweis abfordert, er müsse sich "legitimieren" – und wenn das "Hinterfragen" zum habituellen Reflex geworden ist, so führt die Reflexion des Metakritiken dazu, die Beweislast umzukehren: Nicht das Bestehende muß sich legitimieren, sondern der Kritiker.