Von Horst Albert Glaser

Die Tür fällt laut ins Schloß. Den Türgriff hält er in der Hand, aber nicht mehr die Tür. Ratlos mit dem Griff hantierend, tritt er in den Seminarraum. Dort sitzt ein Häuflein verloren wirkender Studenten. Es war zusammengezuckt, als der Krach ertönte – aber niemand drehte sich um. Der autoritäre Ordinarius schien seinen Auftritt anzukündigen – mit Aplomb, wie es wieder Mode wird. Man braucht nicht hinzublicken. Ob er kommt oder nicht, es verlohnt die Anstrengung nicht, den Kopf zu heben. Hat jemand einen der Texte gelesen? Hat man überhaupt einen Text dabei? Man hat nicht, wüßte auch nicht, wozu. Es ist so gleichgültig, ob die Worte dieses Aristoteles richtig übersetzt worden sind. Was sollen uns Furcht und Mitleid? Wer fürchtet sich vor uns, wer empfindet bei unserem Anblick Mitleid? Klytemnästra, die alte Kuh, soll es sein. Was war eigentlich mit der? Aristoteles hat sie nicht gekannt und wir – wir kennen weder sie noch ihn. Also Furcht und Mitleid. Aber Mitleid sollen wir mit Jammern übersetzen. Na schön, übersetzen wir halt. Der Lessing soll’s auch nicht gekonnt haben. Na, wenn der schon nicht, weshalb dann wir? Wer sind wir denn in diesem Bunker, in dem alle halbe Stunde das Licht erlöscht. Was soll des Aristoteles Gejammre im Dunklen?

Während dergleichen verzweifelte Gedanken durch sechs Köpfe kriechen, starrt auch der Professor vor sich hin. Der Menschheit ganzer Jammer – wo steht der bloß genau? – er will ihn wieder packen. Das ergebene Häuflein murmelt vor sich hin. Wie lang ist ein Tag, wie lang kann eine Seminarsitzung dauern? Eine Sonnenperiode, meint Aristoteles. Das kann zwölf Stunden heißen, andere aber meinen, es seien deren vierundzwanzig. Aber unwahrscheinlich, daß Tragödien sich so lange hingezogen haben. Der Streit darüber, wie lang ein Sonnentag gewesen ist – er hat an die 2000 Jahre gedauert.

Mich dauern diese Ästhetiker, die ihre Zeit mit Debatten über des Aristoteles Zeiteinheit verplempern. Unsere Zeiteinheit in diesem Bunker wird bald enden. Wenn sich nämlich niemand rührt, der Bewegungsmelder kein Signal erhält, dann schaltet die Raumbeleuchtung ab. Ende der Seminartragödie nach 30 Minuten. Vielleicht sollte alle Viertelstunde jemand aufspringen, herumlaufen und sich wieder hinsetzen. Dann hätten wir mehr Zeit, länger Licht, und es käme auch etwas Bewegung in dieses dahindämmernde Seminar. Bewegung nicht als Metapher verstanden, vielleicht als naturalisierte Metapher. Aber wer kennt die hier? Verrückt, an solche Späße zu denken. Keiner im Raum fände sie wohl angebracht. Zwischen dem Ästhetiker und dem Spinner gähnt ein Abgrund. Doch den sehn die meisten nicht, da er bloß tief, aber nicht breit ist.

Während das Gemurmel dahinrollt, gleiten die Gedanken des langsam müde werdenden Professors davon. Er versucht sich vorzustellen, weshalb der Knabe im sports-look hier sitzt, was das Fräulein mit den zusammengebissenen Lippen hierher getrieben hat. Ob die Augen eine Antwort geben? Doch die starren unbewegt vor sich hin. Liegt kein Buch da, so starren sie auf eine hellgraue Plastikplatte. Da wird auch kein Menetekel drauf erscheinen. Erhascht man zufällig einen Blick, so ist er verschlossen oder auch leer. Verschlossene Leere – oder was oder wie? Einen Grund aber muß es geben für diese jammervolle Lage in einem fensterlosen Bunker, wo entweder das Licht oder die Lüftung ausfallen. Die Logik will es. Und die Logik, so Hegel, sind die Gedanken Gottes vor Erschaffung der Welt.

Also warum, bitte, diese Lage? Zu welchem höheren oder niederen Zweck pferchen sich sechs junge Leute in einen Bunker, um sich dort mit Texten zu beschäftigen, die sie entweder nicht dabei haben, nicht gelesen haben oder für die sie nicht das geringste Interesse aufzubringen vermögen?

Eine Antwort, lieber Gott, auf dieses Rätsel der Natur. Doch die Frage nach dem Grund ist tückisch. Sie provoziert neue nach weiteren Gründen. Einen hat man unlängst fragen können. Er geriet, als er sich – vorsichtshalber – eine Studienberatung bei der Sekretärin abholen wollte, an den Professor, den doch alle auf Reisen gewähnt hatten. Verfluchte Stunde, die ihm diesen Schicksalsschlag bescherte. Nun geht es sofort mit der elenden Fragerei los. Warum haben Sie, was wollen Sie, haben Sie daran gedacht – wenn Sie nicht, dann weiß ich auch nicht. Warum wollen Sie Literaturgeschichte studieren? – Ich interessiere mich dafür. Und was interessiert Sie daran? – Schweigen. Ein ahnungsvolles, aber unbewußtes Genie gab auf die hinterfotzige Frage „Was ist – Ihrer Ansicht zufolge – Literatur?“ die alles erledigende Antwort: „Literatur ist die schriftliche Niederlage des menschlichen Geistes.“ Schrieb’s hin in einer Klausurarbeit und entschwand auf Nimmerwiedersehn. An solchem philosophischen Brocken kaut man sein Leben lang. Unnützerweise vielleicht – denn diese philosophische. Einsicht könnte auch bloß die geglückte Stilfigur einer Katachrese sein. Ein Kalauer als Lebenszweck. Das kann doch nicht das Programm junger Leute sein. Also Gründe, bitte.