Von Bernd Röder

Ein Deutscher ist eigentlich nie allein auf einem Strandfest wie diesem. Jugendliche Gomeros umringen ihn sofort und beginnen ein Gespräch in einer Mischung aus Spanisch und Englisch. Die Jugendlichen, so stellt sich heraus, studieren allesamt in San Cristobal de la Laguna, der einzigen Universitätsstadt der Kanaren auf Teneriffa. „Mit dem Herzen“, sagt die 18jährige Gloria Maria, „sind wir aber Gomeros und werden es auch immer bleiben.“ So wie sie das sagt, mit Stolz und ein wenig Pathos in der Stimme, aber kein bißchen altklug, nimmt man ihr das ohne weiteres ab. In solch einer lauwarmen und wie üblich sternenklaren Nacht, wenn vom Atlantik eine gleichmäßige Brise über den Festplatz am Strand weht, glaubt man, ein wenig von jener festen Verbundenheit der Gomeros mit ihrer Insel fühlen zu können.

Die laute Musik reißt uns aus diesen Gedanken. Nur einen Steinwurf weit weg, da sitzen die Touristen in Restaurants und Kneipen. Tagsüber war man am Strand, in den Tälern wandern oder mit dem Leihauto unterwegs, jetzt wird gegessen: gebratener Thunfisch mit einer köstlichen Unmenge von Knoblauch oder eingelegtes Kaninchen. Anschließend genehmigt man sich noch einen Tequila Sunrise. Am besten in der Strandbar „El Mago“. Die Einheimischen passen sich dem Tourismus an. Es entstehen Nachtlokale, die Discothek „Quasimodo“ im Valle Gran Rey hat regen Zulauf.

Noch Ende der siebziger Jahre war Gomera, die nahezu runde und mit 378 Quadratkilometern zweitkleinste Kanaren-Insel, ein Geheimtip der Alternativszene. Nun tummelt sich dort ganzjährig ein illustres Völkchen, das sich durch das Tragen eines Rucksacks kenntlich macht. Auf Gomera trifft man vor allem auf Lehrer und Sozialpädagogen (viele Anfang 30, mit Kleinkind), und es ist nicht ganz unwahrscheinlich, daß man darunter jemanden aus dem eigenen Heimatort trifft. Hippies und Sanyassins, Künstler und Pensionäre vervollständigen das Bild. Betrachtet man die vertretenen Nationen, so stehen Reisende aus der Bundesrepublik an erster Stelle, vor denen aus der Schweiz, aus Österreich und den Niederlanden.

Stammplatz ist das fruchtbare Valle Gran Rey, das Tal des Großen Königs. Schon der üppigen und abwechslungsreichen Vegetation wegen ist der tiefe und lange Bergeinschnitt ein Anziehungspunkt, ideal zum Wandern ist er außerdem. Das Tal mündet in eine kleine Ebene, die von den drei größten Stränden der Insel aus schwarzem Lavasand begrenzt wird.

1979 baute man die ersten geteerten Straßen und schuf somit ein wichtiges Stück Infrastruktur; eine Nord- und eine Südroute sowie zahlreiche kleinere Strecken verbinden mittlerweile die wichtigsten Teile Gomeras. Überall wird nun gebaut, in den Dörfern folgt ein Würfelhäuschen dem anderen. Alle sind sie weiß getüncht und selten höher als zwei Etagen. Vereinzelt klotzen die Gomeros, die bisher vorwiegend Privatzimmer für zehn Mark oder weniger vermieteten, nun auch Appartementbauten größeren Ausmaßes in die Landschaft.

Notwendig wurde das alles, weil die Landwirtschaft und der Fischfang, welche noch immer die Haupteinnahmequellen der Insel sind, die Gomeros nicht mehr ernährten und sich Industrie auf dem zerklüfteten Eiland nur schwer ansiedeln läßt. Die Folgen waren Arbeitslosigkeit und Auswanderung; vor allem die Männer der Insel zogen nach Südamerika, um dort ihr finanzielles Glück zu suchen. Ein Beispiel macht das Dilemma der Gomeros deutlich. Das einstige „gelbe Gold“, die Bananen, wirft kaum noch Gewinne ab, denn der Markt der Europäischen Gemeinschaft ist übersättigt. Zudem benötigen Bananen zum Wachstum viel Wasser. Und das ist auf Gomera knapp, auch wenn es reichlicher vorhanden ist als auf den anderen Kanarischen Inseln.