Eine Studie über das Zeitalter des Liberalismus

Von Hazel E. Rosenstrauch

Seit Anfang der achtziger Jahre sind mehrere Literaturgeschichten erschienen, die das Etikett „sozialgeschichtlich“ im Titel führen und sich mit mehr und weniger Erfolg bemühen, die Geschichte der Literatur mit der Geschichte der Gesellschaft zu verbinden. Auch in Peter Uwe Hohendahls umfangreicher Arbeit über „Literarische Kultur im Zeitalter des Liberalismus 1830-1870“ geht es nicht bloß um Literaturgeschichte.

„Literarische Kultur“ meint mehr, der Autor will die „Strukturen des literarischen Lebens, ... den inneren Zusammenhang von Literaturgeschichte und Sozialgeschichte“ erfassen. Das Buch wird vom Verlag als Standardwerk präsentiert: „ein eindrucksvoller Überblick über die vielleicht wichtigste Phase der deutschen Literaturgeschichte im vergangenen Jahrhundert“.

Das weckt, zusammen mit dem Titel, dem anspruchsvollen Vorwort und dem hübschen Umschlagbild (Johann Peter Hasenclever: „Das Lesekabinett“, 1843) falsche Erwartungen. Das Werk sieht „seine Aufgabe vor allem in der Deutung des historischen Zusammenhangs“. Von den Lebensverhältnissen, den vielbeschworenen „sozialen, wirtschaftlichen, religiösen Bedingungen“ erfährt man wenig. Ausführlich hingegen wird die Debatte über die Möglichkeiten einer Literaturgeschichtsschreibung, die die materiellen Verhältnisse einbezieht, referiert und kommentiert. Die Auseinandersetzung mit verschiedenen Konzeptionen und ihren Schwächen füllt die ersten drei Kapitel, knapp hundert Seiten.

Im Hauptteil geht es um die Herausbildung eines literarischen Kanons, die Etablierung des Faches Literaturgeschichte und die Vermittlung von Wertvorstellungen qua Literatur, wobei der Autor sein besonderes Augenmerk auf die Herausbildung eines nationalen Selbstverständnisses und auf die Rolle der Bildungseinrichtungen lenkte. Die Darstellung wird rund um die Revolution von 1848 gruppiert, und auch hier ist mehr von den Gedankengebäuden und Theorien die Rede als von Sozialgeschichte. Es ist verblüffend, wie Appelle, man müsse „die theoretischen Modelle historisch genauer situieren“ oder dürfe „Entwicklungen in Gesellschaft und Literatur nicht einfach korrelieren“ unschuldig neben jenen großen Begriffen wie „der Spätfeudalismus“, „die Industrialisierung“ oder „die Kommerzialisierung“ stehen, mit denen dann doch wieder – nicht alles, aber zuviel erklärt wird.

Was die Lektüre so mühsam macht und ganze Passagen platt wirken läßt, ist auch die Folge eines time-lag. Das Projekt wurde nach Aussagen des in den Vereinigten Staaten lebenden Autors 1976 begonnen. Sein Ausgangspunkt ist der vehement geführte Angriff gegen einen traditionellen, am Ästhetischen orientierten Begriff von Literatur. Hohendahl fordert, zum Teil noch mit der Emphase des Pioniers, den „Paradigmenwechsel“. Das Buch erscheint 1986 und gerät somit in eine Zeit, in der sich jenes traditionelle Verständnis von Literatur gerade wieder durchzusetzen beginnt.