Von Karin Struck

Ein Logbuch der Leidenschaft, das Tagebuch einer Ent-Fesselung: Dieses Buch ist ein literaturgeschichtliches Dokument und eine literarische Sensation. Es handelt sich um die in dem 1966 erschienenen ersten Band der Tagebücher von Anaïs Nin ausgelassene Geschichte der sexuellen Leidenschaft zwischen ihr und Henry Miller.

Die Dritte im Bunde, Millers Frau June, ist zwar im Titel und im Denken der Diaristin anwesend, sie bleibt aber fast immer abwesend, eine Art Bretonscher Nadja. Das Tagebuch umfaßt den Zeitraum eines Jahres: von Oktober 1931 bis Oktober 1932. Im Dezember heißt es: „Ich habe Henry Miller kennengelernt. Er ist wie ich.“

Diese Ouvertüre wird eingelöst, und so mancher Leser wird durch die Lektüre ein anderes Bild von Anaïs Nin gewinnen: Nicht mehr nur das der privilegierten Literatendame in schwarzem Samtcape, sondern das einer Frau in exquisiter schwarzer Unterwäsche, die darüber hinaus ganz schön vulgär, ungeschminkt, geil und gierig ist.

Jedem männlichen Schriftsteller ist Vulgarität erlaubt; die erotischen Autobiographien und Tagebücher von Frank Wedekind und Michel Leiris werden nicht als Pornographie, sondern als Literatur, als Ergänzung und Eehellung der Werke gelesen; Henry Millers „Nymphomanie“ hat seinem literarischen Weltruhm keinen Abbruch getan, im Gegenteil. Anaïs Nin hingegen hat gewußt, warum sie verfügte, diese Tagebuchteile erst nach ihrem und ihres Mannes Tod zu veröffentlichen. Sie hat nicht nur ihren Ehemann Hugo schützen wollen, sondern auch sich, die Schriftstellerin.

Der Leser nimmt teil an einer Selbsterschaffung. Er nimmt teil daran, wie die liebreizende Schriftstellerin anfängt, sich der teilweise rohen, Miller nachahmenden sexuellen Sprache gleichsam halb widerwillig, halb wollüstig zu bedienen. Zunächst sieht es aus, als vergewaltige sich dieses zarte Weib, indem es sich zur Befreiung auch der Sprache zwingt. Das Wort „ficken“ aus ihrem Mund und ihrer Feder wirkt bis zuletzt beinahe rührend, madonnen- und nonnenhaft; als ob man sie erröten sähe, während sie es ausspricht und hinschreibt. Man erlebt die Wechselbäder mit, in die sie sich halb stürzt und halb gestürzt wird, um sich erotisch und kreativ aufzutauen. Man sieht sie vor sich, wie sie sich lustvoll und absichtlich im „Schmutz“ suhlt.

Sie, die Sehnsucht hat „nach animalischer Existenz“, wehrt sich anfangs gegen das in Miller verkörperte andere Ich. Sein Leben sei „Ausschweifung“; er habe sich seinen „Proust ohne Poesie und Musik“ einverleibt, und er schreibe ohne Liebe. „Ich fürchte mich vor diesem Mann, als müsse ich mich in ihm all den Realitäten stellen, die mich ängstigen.“ Doch notiert sie gleichzeitig: „Ich bin zwei Menschen“, und sie klagt, daß Hugo, ihr Ehemann, nur „die Zuflucht seiner Arme“ biete; daß es immer so kurz „mit ihm sei, daß er Vaseline nehmen müsse – während Henry die Technik des Küssens“ besser beherrsche als jeder andere.