Hessens FDP-Vorsitzender Gerhardt hat sich für eine Führungsposition ausgewiesen

Von Rolf Zundel

Nicht die Produktion von Schlagzeilen, sondern Millimeterarbeit" – so hat Wolfgang Gerhardt sein Erfolgsrezept für jene Zeit beschrieben, als er die hessische FDP nach dem Debakel vom November 1982 wieder sammelte und zurück in den Landtag führte. Millimeterarbeit war es auch diesmal bei der Landtagswahl: ein minimaler Vorsprung für die Parteien der Bonner Koalition, ein Zuwachs von zwei Zehntelpunkten für die Liberalen. Aber das Ergebnis machte Schlagzeilen. Und Gerhardt hat jetzt eine Position erreicht, die ihn, den künftigen Minister in Wiesbaden, als einen jener Politiker ausweist, der überall dort, wo über die FDP von morgen nachgedacht wird, schon bei den ersten Erwägungen genannt wird. Wolfgang Mischnick, einer seiner Förderer, nennt ihn einen "Mann mit vielen Möglichkeiten in der Gesamtpartei".

Dabei steht Gerhardt eigentlich schon seit geraumer Zeit in der ersten Reihe; nur haben es wenige bisher so recht bemerkt. Er wurde immerhin im März 1985, als Bangemann die Parteiführung übernahm, zum stellvertretenden Vorsitzenden der FDP gewählt. Wer freilich nach Schlagzeilen des Parteivize sucht, wird nirgendwo fündig. Die machten andere, die Bonner Liberalen oder einige Landespolitiker wie Döring (Baden-Württemberg) oder Brunner (Bayern), die flott oder frech drauflosformulierten. Solche Anstößigkeiten sind von Gerhardt nicht zu berichten.

"Ein gewisses Zucken"

Da gab es zwar seine Warnung vor einer "Politik der sozialen Kälte", von manchen Wirtschaftsliberalen stirnrunzelnd zur Kenntnis genommen, aber Streit entstand daraus nicht. Andererseits bemerkten die Vorkämpfer liberaler Rechtspositionen bei ihm "ein gewisses Zucken", als es zum Beispiel um die Frage ging, ob die FDP beim Vermummungsverbot der konservativen Stimmung entgegenkommen sollte. Eine öffentliche Debatte wurde auch daraus nicht.

Gerhardt hat nicht wie der Christdemokrat Wallmann die Hessenwahl zu einem Test für die Kernenergiepolitik der Bundesregierung gemacht, er hat sehr viel mehr von Sicherheitsvorkehrungen, von sorgfältiger Prüfung gesprochen, aber er wird die Plutoniumfabrik Alkem nicht stillegen. Er hat auch viel von der Eigenständigkeit in der FDP geredet, historische Bündnisse gibt es für ihn nicht; aber seine Entscheidung für die CDU in Hessen war eindeutig.