Von Walter van Rossum

Biographien: Sie heben an mit dem Geschrei der Geburt, sie klingen aus mit dem Schweigen des Todes. Dazwischen verketten sich Zeitpunkte zu einem Leben. Das Leben in die Linie einer Abfolge zu bringen, dem nicht zu rechtfertigenden Moment den Schein der Notwendigkeit zu verleihen, dem sinnverlorenen Augenblick seine verborgene Bedeutung zurückzugeben, darin liegt die Lust, die Lust am Lesen einer Biographie. Deshalb erscheint sie zunächst als Lebensroman, erst dann informiert oder belehrt sie. Aber die Romane haben, wie man weiß, ihre Geradlinigkeit längst aufgegeben, die Lebensläufe auch, allein die Biographien rollen noch auf den Gleisen einer kontinuierlich verstandenen Zeit.

So kontrastiert auch Herbert R. Lottmans biographische Arbeit auf eigentümliche Weise mit ihrem Gegenstand: dem Leben des Schriftstellers Albert Camus. Denn es scheint, als leistete diese Existenz Widerstand, Widerstand gegen die biographische Lawine, die bis zu ihrem Aufschlag im Tal kontinuierlich anschwillt und worin der "Umfang" des Lebens, der Reichtum an Erfahrung, die Reife in der Kunst und das Werk ständig zunehmen. Camus’ Leben besteht aus etlichen Umwegen, ja, Rückwegen, Stagnationen, Brüchen und Sprüngen. Wird der Biograph diesem Stoff gerecht?

Zunächst: Herbert R. Lottmans Biographie ist nach herkömmlichem chronologischen Muster angelegt. Er hat sich bei seiner gründlichen Arbeit an den gedruckten und ungedruckten Texten von Camus orientiert, er hat sich auch auf die mühsame Suche nach Dokumenten und Zeugnissen begeben. Dieser amerikanische, in Paris lebende Kulturjournalist, von dem übrigens schon zwei bemerkenswerte Bücher zur jüngeren französischen Geschichte und Kulturgeschichte stammen, hat außerdem viele Interviews geführt – hat Freunde, Verwandte, Weggefährten und Gegner von Camus befragt. Das Ergebnis dieser Recherchen ermöglicht es, zahlreiche Abschnitte und Episoden im Leben von Camus sehr viel genauer zu rekonstruieren als bisher. Leider ist die Biographie – zuerst 1979 in New York erschienen – in der deutschen Übersetzung von Hans-Henning Werner und Ina von Trossel-Brose um etwa 90 Seiten gekürzt – warum, ist nicht erfindlich.

Lottman beschränkt sich streng darauf, die Umstände dieses Lebens und des Werkes darzustellen. Weder versucht er, das Werk durch das Leben zu erklären, noch von Camus ein deutendes Porträt zu zeichnen. In der Fülle geordneter, aber irgendwie auch jeder Ordnung widerstehender Fakten überläßt er es dem Leser, Camus zu "verstehen". Das führt zu dem merkwürdigen, aber reizvollen Effekt, daß diese fast immer genaue und sorgfältige Arbeit am Ende fast doch wieder wie ein moderner Roman dasteht: Im Hintergrund überdeutlicher Fakten verschleiert sich ihre Kohärenz.

Albert Camus wurde 1913 unter bedrückenden materiellen Umständen in Algerien als Kind französischer Eltern geboren. Bald schon verschrieb er sich der algerischen Landschaft, der Wüste, dem Meer, dem Licht. Sie prägten seine Vorstellung vom Glück, vom Maß, vom "Mittelmeerischen", das ihn über die Geschichte hinaus in einen schwebenden Raum zwischen Welt und Sonne stellte.

Noch nicht dreißig Jahre alt, veröffentlicht er 1942 seinen Roman "Der Fremde". Einige Monate später folgt sein philosophischer Essay über den "Mythos vom Sisyphos", in dem er seine Theorie des Absurden formuliert. Fünf Jahre danach erscheint der unter großen Mühen geschriebene Roman "Die Pest". Und nachdem 1951 sein umfangreicherer Essay "Der Mensch in der Revolte" vollendet ist, fühlt sich Camus literarisch völlig ausgebrannt.